Die Nacht der Spinnen
„Rex! Steige sofort vom Baum! Und sei vorsichtig!“, meine Mutter stand unter dem großen Kastanienbaum und regte sich so auf, dass ich Angst hatte, sie würde gleich aus den Puschen fallen.„Ich komme ja!“, rief ich und kletterte vom Baum und sprang das letzte Stück herunter.„Wie kannst du aus der Höhe herunterspringen? Du hättest dir etwas brechen können.“ Meine Mutter war fix und fertig.„Ist doch eine der einfachsten Übungen!“, beruhigte ich sie.„Wie oft muss ich dir sagen, dass du diese Kletterei lassen sollst. Du kommst noch einmal dabei um. Wie bist du nur auf diesen Baum gekommen? Der Stamm ist doch so glatt und hoch.“„Mütterchen, mach dir nicht so viele Kopfschmerzen“, grinste ich sie an. Sie ging kopfschüttelnd ins Haus. Mir war selber nicht klar, was mich dazu trieb, auf hohe Bäume oder auf hohe Gebäude oder Brücken zu klettern. Auch konnte ich aus sehr großen Höhen springen, ohne mich zu verletzen. Mir war dann, als wenn mich etwas Unsichtbares hielt.„Hallo, Rex!“, begrüßte mich Maria, meine neue Klassenkameradin. Sie war vor zwei Wochen ins Nachbarhaus gezogen. Ich bekam jedes Mal Herzklopfen, wenn ich sie sah. Ich hatte mich Hals über Kopf in sie verliebt, aber sie wusste nichts davon. Sie behandelte mich wie jeden Mitschüler. Sie war immer gut gelaunt und hatte sich schnell in unserer Klasse gut eingelebt. Carlo machte sich natürlich sofort an sie ran. Vor ihm war kein hübsches Mädchen sicher. Er hatte Maria gleich zum Eis essen eingeladen und gestern waren sie zusammen ins Kino gegangen. Ich hatte sie gesehen, denn ich saß nur drei Reihen hinter ihnen. Carlo hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und sie hatte es sich gefallen lassen. Ich konnte mich gar nicht richtig auf den Film konzentrieren, denn mein Blick wanderte immer wieder zu Maria und ich träumte davon, an Carlos Stelle zu sein.„Wie hat dir gestern der Film gefallen?“, riss sie mich aus meinen Gedanken.„Ich fand ihn super. Ich liebe Fantasie Filme“, antwortete ich und bewunderte im Stillen ihr langes rotblondes Haar. Sie strich sich eine Strähne aus der Stirn. Ihre Hände waren sehr zart.„Ich fand ihn etwas unheimlich. Die Spinnen flößten mir Angst ein. Ich mag keine Spinnen“, meint sie und schaute mich irgendwie mit einem lauernden Blick an.„Ich liebe Spinnen. Es sind faszinierende Tiere. Sie sind total harmlos, wenigstens die hier in unserem Land leben“, verteidigte ich die kleinen Tierchen.„Wenn ich schon an diese Netze denke, wird mir ganz anders. Bis morgen in der Schule. Hoffentlich träume ich heute Nacht nicht von den Viechern.“ Sie winkte mir zu, lachte und ging weiter. Träume doch von mir, wollte ich am Liebsten sagen, aber dazu war ich zu schüchtern. Seit Maria da war, ging ich gerne zur Schule. Meine Mutter wunderte sich, dass ich neuerdings so pünktlich zur Schule ging.„In der Nacht schlief ich unruhig. Ich war es, der von Spinnen träumte. Ich war ihr Anführer und bewegte mich wie sie blitzschnell und ich konnte große Netze spinnen und mich an dicken Spinnenfäden von großen Bäumen herunter lassen. Und dann war da ein Mädchen. Zierlich mit schwarzen Haaren. Ihr Körper war leicht schwarz behaart, es sah aus wie ein kurzes Fell. Das Mädchen schaute mich mit funkelnden Augen an und sagte etwas zu mir. Aber ich verstand es nicht. Sie reichte mir die Hand, als forderte sie mich auf, mit ihr zu gehen. Ich wollte ihre Hand ergreifen, aber sie entfernte sich immer weiter von mir und ich erwachte. Ich brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass ich mich in meinem Bett befand. „Was träumt man doch manchmal für einen Quatsch“, dachte ich, drehte mich um, um weiter zu schlafen. Und wieder war der Traum da. Diesmal hing ich in einem Spinnennetz. Ich hatte auch diese funkelnden Augen und meine Haut wurde durch ein dunkelblaues samtiges Fell ersetzt. Ich konnte mich im Netz blitzschnell bewegen. Plötzlich kam aus der Baumkrone an einem dicken Spinnenfaden ein Wesen herunter in mein Netz. Es war ein Mädchen mit einem hellblauen Fell und ihre funkelnden Augen schauten mich freundlich an. Ich erkannte in dem Mädchen Maria. Sie ergriff meine Hand und zog mich mit.„Es wird Zeit, dass wir zum Spinnen Wald aufbrechen. Sie warten schon auf uns“, flüsterte sie.„Ich verstehe nichts, wer wartet auf uns? Und warum sehen wir so aus?“, fragte ich, immer noch verwundert, Maria hier zu treffen.„Wir gehen ins Land der Spinnen Menschen. Es liegt hinterm Spinnen Wald. Wenn wir den Wald erreicht haben, sind wir verhältnismäßig sicher. Die Spinnen werden uns beschützen.“„Ich dachte, du magst keine Spinnen?“, fragte ich verwundert. „Das war ein Scherz, außerdem wollte ich deine Reaktion sehen. Sie lachte und wir sprangen aus dem Netz und liefen einen Waldweg entlang. Die Bäume wurden immer knorriger und nahmen seltsame Formen an. Irgendwo säuselte ein Bach und Vögel kreischten und ein Schwarm erhob sich in die Luft und suchte das Weite. Abrupt blieb Maria stehen, so dass ich nicht so schnell stoppen konnte und sie mit umriss. Ich lag halb auf ihr und ihr Mund leuchtete mir verführerisch entgegen. Ich überlegte kurz, ob ich diese Situation ausnutzen und sie küssen sollte.„Unter steh dich!“, schien sie meine Gedanken zu erraten. „Würdest du mich aufstehen lassen“, sagte sie leise. „Sie sind hier, wir müssen vorsichtig sein!“„Wer ist hier?“, fragte ich, während wir uns aufrappelten.„Pst!“ Maria legte ihren Zeigefinger auf die Lippen und schlich hinter einen größeren Felsbrocken und forderte mich mit einem Wink auf, ihr zu folgen. Sie spähte in die Richtung, wo die Vögel hoch geflogen waren. Und dann sahen wir sie. Keine fünfzig Meter von uns entfernt.Fortsetzung folgt...
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