Die kleine Fee Lilo
Luise und Simon tollten ausgelassen durch den großen
Garten ihrer Großeltern. Die Kinder verbrachten jedes Jahr vier
Wochen ihrer Sommerferien bei ihnen in Osnabrück. Der Garten war
ziemlich verwildert und bot somit vielen Tieren Unterkunft und es war
spannend für die Kinder, ihn jedes Jahr, wenn sie in den großen
Ferien nach Osnabrück kamen, aufs Neue zu erforschen.
„Simon, leise!“ Luise hielt Simon am Ärmel fest.
„Siehst du dort die zwei Wildkaninchen? Sind die niedlich!“ Leise
pirschten sich die Kinder näher an die Tiere heran. Diese ließen
sich nicht stören und knabberten gerade genüsslich die kleinen
weißen Nelken der Großmutter ab.
„Ob die das dürfen?“, fragte Simon nachdenklich.
„Wollen wir die Kaninchen nicht lieber verjagen?“
„Nein, ihnen schmeckt es doch so gut und Oma hat
sicher nichts dagegen, es wachsen ja so viele Blumen im Garten. Du
weißt ja, Oma und Opa sind sehr tierlieb. Deshalb haben sie ja nicht
so einen Garten, der wie ein Park aussieht, sondern haben ihn etwas
verwildern lassen, wie sie uns doch im letzten Jahr erzählten“,
antwortete Luise.
„Schau, hier wachsen auch Nelken. Wir pflücken ein
paar ab und bringen sie unseren Kaninchen“, schlug Simon vor.“
„Ja, die werden sich freuen“, war Luise
einverstanden und fing an zu pflücken. Aufgescheucht durch die
Aktivitäten der Kinder, huschten die Wildkaninchen schnell ins nahe
gelegene Gebüsch.
„Jetzt haben wir sie verjagt!“, stellte Simon fest.
„Ach, die fressen gleich weiter, wenn wir weg sind!“,
beruhigte Luise ihn.
„Wir haben genug Nelken“, meinte Simon, „komm,
lass uns zu Flip und Flop gehen.“
Die Zwillinge liefen zum Kaninchenstall, welcher hinter
dem alten Schoppen am Ende des Gartens stand. Dort befand sich auch
die große Vogelvoliere mit den Wellensittichen und Nymphensittichen.
„Euch begrüßen wir später!“, rief Luise den
Vögeln zu.
„Dann bringen wir euch Löwenzahnblätter mit!“,
ergänzte Simon sie und pfiff mehrmals in die Richtung der Vögel.
Ein lautes Pfeifen eines Nymphensittichs tönte hinter ihnen her.
Die Kinder holten ihre Kaninchen aus dem Stall. Flip
und Flop waren sehr zahm. Sie wurden von dem Jungen und dem Mädchen
erst einmal herzlich durch Streicheleinheiten begrüßt. Sie freuten
sich sichtlich über die Nelkenblüten und mümmelten sie genüsslich.
Plötzlich flog etwas um die Köpfe der Kinder und sauste dann im
hohen Bogen weiter in den Garten.
„Was war das denn?“ fragte Simon.
„Vielleicht eine Libelle?“, meinte Luise. „Hinten
am Teich sind oft Libellen. Sogar verschiedene Arten.“
„Könnte sein“, antwortete Simon und hielt Ausschau
nach dem Flugobjekt.
„Da hinten fliegt es!“, rief er, „es kommt direkt
auf uns zu!“
Blitzschnell flog das Ding, was immer es auch war, durch
den Garten. Umkreiste die Kinder, flog ein paar Überschläge, kam wieder
auf die Kinder zu und stoppte dann abrupt in der Luft.
„Das ist keine Libelle!“, staunte Luise.
„Es ist ein kleines Mädchen mit Flügeln, wie in
unseren Kinderbüchern beschrieben wurde. Also eine kleine Fee!“,
stellte Simon fest und streckte seine flache Hand aus.
Das kleine Wesen, welches auf einer Stelle in der Luft
flog, überlegte wohl einen Moment. Dann ließ es sich auf der Hand
nieder. Staunend betrachteten die Kindern es.
„Bist du eine Fee?“, fragte Luise, „kannst du uns
verstehen?“
„Ja, ich bin eine Fee und spreche auch eure Sprache.
Ich heiße Lilo, jeder nennt mich aber Lilofee“, ertönte eine
helle, zarte Stimme.
„Ich dachte, Feen gibt es nur im Märchen?“, sagte
Luise.
„Uns gibt es wirklich, aber wir geben uns nur selten zu
erkennen. Wir leben schon tausende von Jahren in den Feenwäldern der
Erde. Hier und da sahen uns Menschen und so tauchten wir irgendwann
als Fabelwesen in den Märchenbüchern der Menschen auf“, erzählte
die kleine Fee.
„Und warum bist du hier im Garten?“, fragte Simon.
„Gehört der Garten zum Feenwald?“, wollte Luise
wissen.
„Nein, aber er grenzt genau daran“, berichtete die
Fee.
„Dann ist das der Feenwald?“, freute sich Luise und
zeigte mit dem Finger in die Richtung des Mischwaldes, welcher hinter
dem Garten lag.
„Da haben wir schon oft gespielt und uns aus Zweigen
Buden gebaut“, erklärte Simon.
„Ich habe euch schon oft beobachte!“, antwortete
Lilofee und lachte, was sich wie der Klang kleiner Glocken anhörte.
„Wir haben noch nie dort Feen gesehen“, stellte
Simon fest.
„Nein, das könnt ihr auch nicht. Der Wald dort, ist
zwar ein Feenwald, aber da wo wir wohnen, liegt ein Zauber über dem
Wald. Ich muss jetzt zurück, ehe die anderen merken, dass ich einen
Abstecher in die Welt der Menschen gemacht habe. Das ist nämlich
verboten. Aber ich liebe diesen schönen Garten eurer Großeltern. Er
ist so natürlich und er hat so viele wunderschöne Blumen.“ Die
kleine Fee erhob sich in die Lüfte , winkte den Kindern zu, machte einige Überschläge und flog in die Richtung des Waldes.
„Das wird uns keiner glauben, dass wir eine Fee
gesehen haben!“, meinte Luise
„Das kann ja unser Geheimnis bleiben“, antwortete
Simon.
Ende
2017Copyright by Helga Pikulik