Mittwoch, 5. September 2018

Wo ist Henriette? Kurzgeschichte





Wo ist Henriette?

Ich hatte schon mein lebenlang sehr große Angst vor Spinnen. Ob winzig kleine oder entsetzlich große (2-3 cm inklusiv der Beine). Vor einiger Zeit nahm ich mir vor, diese kleinen Tierchen am Leben zu lassen, wenn sie sich in meinem Haus wohnlich niederließen. Ich hatte immer entsetzliche Angst vor Hunden, doch als ich damals endlich den Wunsch meiner Tochter erfüllte und ihr einen Hund schenkte, hat sich die Angst gelegt. Also, dachte ich mir, warum sollte das mit den Spinnen nicht auch klappen. Als erstes freundete ich mich mit den Zitterspinnen an, aber die danken es, indem sie die Wände vollspinnten. Also dürfen höchstens zwei jeweils bei mir wohnen. Angst hatte ich vor ihnen nicht mehr, aber vor allen anderen Spinnen graute es mir noch. Nun entdeckte ich gestern oben an der Wand eine dicke Spinne mit langen Beinen. Mein erster Gedanke war: Besen holen und mit dem Ungetüm kämpfen. Doch ich blieb auf meinem Stuhl sitzen und ließ das Ungeheuer nicht aus den Augen.
„Leben lassen!“, mahnte eine innere Stimme. „Töten! Sonst magst du nie wieder das Wohnzimmer betreten!“, flüsterte eine andere Stimme in meinem Kopf.
Und die Spinne, sie rührte sich nicht vom Fleck. Das wäre das erste Mal im Leben, dass ich in einem Raum verweile, obwohl eine dicke Spinne an der Wand saß. Leben lassen, hatte ich entschieden. Immer wieder wanderte mein Blick zur Spinne. Vielleicht sollte ich sie mit einem Besen leicht an ticken, damit sie herunter fällt. Dann würde sich mein kleiner Hund Nicki auf sie stürzen und so lange mit seiner Pfote mit ihr spielen, bis sie matsch wäre. Dann hätte ich sie nicht getötet.
„Tierquälerei!“, ging es mir wieder durch den Kopf.“ Besenaktion wurde verworfen. Spinne saß immer noch regungslos da, grausig! Ich ging auf die Terrasse, um andere Gedanken zu bekommen. Wühlte in meinem Blumenbeet herum, spielte mit Nicki und als ich nach länger Zeit wieder ins Wohnzimmer trat, war mein erster Blick zur Spinne.
Weg! Sie war verschwunden. Mir lief es kalt über den Rücken. Schaute vorsichtig hoch, ob sie nicht über mir an der Decke krabbelte. Ich suchte die Wände und den Fußboden ab, obwohl sie auf dem Teppich kaum auffallen würde. Vielleicht ist sie ja durch die Terrassentür nach draußen gelaufen. Aber diese Hoffnung habe ich gleich verworfen. Freiwillig gehen Spinnen vermutlich nicht wieder raus. Das Wohnzimmer ab sofort meiden, ging auch nicht, denn hier spielte sich hauptsächlich unser Leben ab. Ich tröstete mich damit, dass die Spinne sich hinter irgend einem Schrank versteckt hielt und mich nicht angreifen würde, doch wenn ich den Raum betrat, hatte ich ein mulmiges Gefühl. Immer wieder schaute ich zur Wand, wo das Tier gesessen hatte. Und dann war sie plötzlich wieder da! Fast auf dem gleichen Platz. Ich war direkt erleichtert und freute mich fast, sie zu sehen. So konnte ich sie wenigstens im Auge behalten, und musste keine Angst haben, dass ich sie irgendwann auf mir sitzen hatte. Manchmal lief sie etwas weiter. Mal runter mal rauf, um dann wieder still auf einem Fleck zu verharren.
„Okay, Spinne! Du bist jetzt mein Haustier, also benimm dich und bleib gefälligst an der Wand!“, sagte ich. Ein Haustier braucht einen Namen.
„Du heißt Henriette!“, teilte ich der Spinne mit, aber sie war unbeeindruckt von meinem Lieblingsnamen. Ich blieb noch lange auf und Henriette benahm sich gut und blieb dort wo sie war.
Wenn man so einem Tier einen Namen gibt, hat man eine ganz andere Beziehung zu ihm, mir geht es wenigstens so. Ich könnte es nicht mehr übers Herz bringen, sie zu töten. Sie gehörte ja jetzt zur Familie.
 Als ich heute morgen ins Wohnzimmer kam, war Henriette verschwunden. Vielleicht hatte sie sich in den Gardinen oder hinter dem Bild versteckt, ich weiß es nicht. Ich hatte es auch eilig und wollte nicht nach ihr suchen. Als ich abends wieder kam, war Henriette immer noch nicht an ihrer Wand. Während ich dieses schreibe, geht mein Blick immer wieder die Wände entlang. Wo mag sie nur sein? Meine Angst vor Spinnen hat sich nicht gelegt, Im Gegenteil, ich befürchte immer, dass jeden Augenblick Henriette sich von der Decke auf mich herunterlässt, oder an meiner Hose hochkrabbelt. Mit Hunden ist das doch wohl anders. Ich werde in Zukunft wieder jede Spinne aus meinem Haus verbannen, aber möglichst lebend. Und nie wieder werde ich so einem Tier einen Namen geben und Familienanschluss anbieten.

Ende


(c)Helga Pikulik