Wo ist Henriette?
Ich hatte schon mein lebenlang sehr große Angst vor
Spinnen. Ob winzig kleine oder entsetzlich große (2-3 cm inklusiv der Beine). Vor einiger Zeit nahm ich mir vor, diese kleinen Tierchen
am Leben zu lassen, wenn sie sich in meinem Haus wohnlich
niederließen. Ich hatte immer entsetzliche Angst vor Hunden, doch
als ich damals endlich den Wunsch meiner Tochter erfüllte und ihr
einen Hund schenkte, hat sich die Angst gelegt. Also, dachte ich mir,
warum sollte das mit den Spinnen nicht auch klappen. Als erstes
freundete ich mich mit den Zitterspinnen an, aber die danken es, indem sie die Wände vollspinnten. Also dürfen höchstens zwei
jeweils bei mir wohnen. Angst hatte ich vor ihnen nicht mehr, aber vor
allen anderen Spinnen graute es mir noch. Nun entdeckte ich gestern
oben an der Wand eine dicke Spinne mit langen Beinen. Mein erster
Gedanke war: Besen holen und mit dem Ungetüm kämpfen. Doch ich
blieb auf meinem Stuhl sitzen und ließ das Ungeheuer nicht aus den
Augen.
„Leben lassen!“, mahnte eine innere Stimme. „Töten!
Sonst magst du nie wieder das Wohnzimmer betreten!“, flüsterte
eine andere Stimme in meinem Kopf.
Und die Spinne, sie rührte sich nicht vom Fleck. Das
wäre das erste Mal im Leben, dass ich in einem Raum verweile, obwohl
eine dicke Spinne an der Wand saß. Leben lassen, hatte ich
entschieden. Immer wieder wanderte mein Blick zur Spinne. Vielleicht
sollte ich sie mit einem Besen leicht an ticken, damit sie herunter
fällt. Dann würde sich mein kleiner Hund Nicki auf sie stürzen und
so lange mit seiner Pfote mit ihr spielen, bis sie matsch wäre. Dann
hätte ich sie nicht getötet.
„Tierquälerei!“, ging es mir wieder durch den
Kopf.“ Besenaktion wurde verworfen. Spinne saß immer noch
regungslos da, grausig! Ich ging auf die Terrasse, um andere
Gedanken zu bekommen. Wühlte in meinem Blumenbeet herum, spielte mit
Nicki und als ich nach länger Zeit wieder ins Wohnzimmer trat, war
mein erster Blick zur Spinne.
Weg! Sie war verschwunden. Mir lief es kalt über den
Rücken. Schaute vorsichtig hoch, ob sie nicht über mir an der Decke
krabbelte. Ich suchte die Wände und den Fußboden ab, obwohl sie auf
dem Teppich kaum auffallen würde. Vielleicht ist sie ja durch die
Terrassentür nach draußen gelaufen. Aber diese Hoffnung habe ich
gleich verworfen. Freiwillig gehen Spinnen vermutlich nicht wieder raus.
Das Wohnzimmer ab sofort meiden, ging auch nicht, denn hier spielte sich hauptsächlich unser Leben ab. Ich tröstete mich damit, dass
die Spinne sich hinter irgend einem Schrank versteckt hielt und mich
nicht angreifen würde, doch wenn ich den Raum betrat, hatte ich ein
mulmiges Gefühl. Immer wieder schaute ich zur Wand, wo das Tier
gesessen hatte. Und dann war sie plötzlich wieder da! Fast auf dem
gleichen Platz. Ich war direkt erleichtert und freute mich fast, sie
zu sehen. So konnte ich sie wenigstens im Auge behalten, und musste
keine Angst haben, dass ich sie irgendwann auf mir sitzen hatte.
Manchmal lief sie etwas weiter. Mal runter mal rauf, um dann wieder
still auf einem Fleck zu verharren.
„Okay, Spinne! Du bist jetzt mein Haustier, also
benimm dich und bleib gefälligst an der Wand!“, sagte ich. Ein
Haustier braucht einen Namen.
„Du heißt Henriette!“, teilte ich der Spinne mit,
aber sie war unbeeindruckt von meinem Lieblingsnamen. Ich blieb noch
lange auf und Henriette benahm sich gut und blieb dort wo sie war.
Wenn man so einem Tier einen Namen gibt, hat man eine
ganz andere Beziehung zu ihm, mir geht es wenigstens so. Ich könnte
es nicht mehr übers Herz bringen, sie zu töten. Sie gehörte ja
jetzt zur Familie.
Als ich heute morgen ins Wohnzimmer kam, war
Henriette verschwunden. Vielleicht hatte sie sich in den Gardinen
oder hinter dem Bild versteckt, ich weiß es nicht. Ich hatte es auch
eilig und wollte nicht nach ihr suchen. Als ich abends wieder kam,
war Henriette immer noch nicht an ihrer Wand. Während ich dieses
schreibe, geht mein Blick immer wieder die Wände entlang. Wo mag sie
nur sein? Meine Angst vor Spinnen hat sich nicht gelegt, Im
Gegenteil, ich befürchte immer, dass jeden Augenblick Henriette sich
von der Decke auf mich herunterlässt, oder an meiner Hose
hochkrabbelt. Mit Hunden ist das doch wohl anders. Ich werde in
Zukunft wieder jede Spinne aus meinem Haus verbannen, aber möglichst
lebend. Und nie wieder werde ich so einem Tier einen Namen geben und
Familienanschluss anbieten.
Ende
(c)Helga Pikulik