Germeon
„Du
bist auch wundervoll!“, er zog mich näher zu sich und sein Gesicht
kam meinem ganz nahe. Unsere Wangen berührten sich kaum, aber es
verursachte in mir eine Unruhe, die ich zu unterdrücken versuchte.
Er sollte nicht merken, welch eine Wirkung er auf mich ausübte. Ich
versuchte ihn von mir zu schieben, aber er merkte, dass ich es nur
mit halber Kraft tat. Seine Lippen berührten sacht meine Haut. Mein
Herz klopfte laut, es war nicht mehr zu unterdrücken und ich
wünschte mir nur noch, dass er mich küsste. Unsere Lippen fanden
sich und er küsste mich zärtlich. Ich erwiderte seine Küsse und
sie wurden immer heißer und verlangender. Er ließ sich aufs Bett
fallen und zog mich dabei auf sich. Die Zeit stand für mich still.
Ich wollte nur noch diesen Augenblick genießen und ich wünschte mir, er ginge nie vorbei. Noch nie hatte mich ein Mann so leidenschaftlich
geküsst. Ich war zu allem bereit. Er zog mir mein T-shirt aus und
streichelte meinen Körper und küsste ihn. Doch Rain hörte
plötzlich auf mich zu küssen und vergrub sein Gesicht in meine
Haare.
„Wir
dürfen das nicht!“, hörte ich ihn sagen. Mir wurde bewusst, auf
was ich mich hier gerade einließ.Ich dachte an Germeon. Heute hatte
ich ihn erst kennengelernt, und schon hätte ich ihn fast mit seinem
Onkel betrogen, hätte Rain nicht gestoppt. Aber ich wollte, dass
Rain mich liebte. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, ich spürte
immer noch die heißen Küsse auf meinem Mund. Ich streichelte Rains
schwarzes Haar. Es fühlte sich seidig an. Ich wollte ihn küssen. Er
schaute mich an und ich sah so viel Liebe in seinen Augen. Wie sollte
dieser Mann böse sein. Aber dann viel mir ein, wie schnell er sich
im Café von einer Minute auf die andere verändert hatte und zum
Fürchten aussah. Ich bekam plötzlich Angst vor ihm und erhob mich
und ging zum Fenster um Abstand zu gewinnen. Rain saß auf dem Bett
und sagte nichts. Eine beunruhigende Stille lag im Raum. Meine
Gefühle spielten Karussell. Einerseits kam er mir unheimlich vor,
andererseits ginge ich am Liebsten zu ihm, um zu versuchen, ihn zu
verführen. Ich hatte doch gemerkt, er wollte es auch. Wieso hatte er
mit einem Male Bedenken? Ein Mann, der schon so viele Frauen verführt
hatte. Ein Klopfen an der Tür schreckte uns beide auf. Schnell zog
ich mein T-shirt über, welches Rain mir ausgezogen hatte.
„Darf
ich hereinkommen?“, hörte ich Zara fragen.
„Ja,
sicher“, antwortete ich, aber so sicher war ich mir gar nicht. Rain
saß immer noch auf dem Bett als Zara herein kam. Sein Haar war etwas
zerzaust und die Bettdecke total verrutscht. Sie überblickte die
Situation. Ich wollte ihr sagen, dass nichts passiert war, aber mir
blieben die Worte im Hals stecken. Zara ging auf Rain zu und der
erhob sich endlich. Sie schaute ihn eine Weile an. Rain legte seinen
Arm um sie und drückte sie an sich.
„Ich
liebe dich!“, flüsterte er. „Ich weiß!“, antwortete sie leise.
Ich wäre mal wieder am Liebsten im
Erdboden versunken. Mir viel ein, dass Germeon mir erzählt hatte,
Rain habe bestimmte Fähigkeiten. Vielleicht hatte er geahnt, dass
Zara kam und hatte darum unser Zusammensein unterbrochen. Eventuell
ergibt sich noch einmal eine Gelegenheit, bevor ich wieder nach
hause fahre. Ich war mir plötzlich im Klaren, dass das mit Germeon
doch nicht die große Liebe war. Da gab es noch stärkere Gefühle,
das hatte Rain mir gezeigt. Wie gerne wäre ich jetzt an Zaras
Stelle, denn Rain hielt sie immer noch im Arm. Ich musste mich selber
über mich wundern wie abgebrüht ich war. Ich nahm mir jetzt schon
vor, mit Rain bei der nächsten Gelegenheit zu schlafen. Ich
entdeckte eine ganz neue Seite an mir. Es konnte daran liegen, dass
Micha mich vor ein paar Tagen wegen einer anderen verlassen hatte.
Ich hatte die Zwei in meinem Schlafzimmer überrascht. Dabei wollten
Micha und ich in einem Monat heiraten. Ich glaube, darum habe ich
mich sofort an Germeon gehangen. Ich suchte Trost und meinte es wäre
die große Liebe. Ich konnte Zara verstehen, dass sie sich gleich
Rain geschnappt hatte, obwohl er viel älter war. So einen Mann lässt
man nicht laufe, wenn man ihn bekommen konnte. Und jetzt wollte ich
ihn, wenigstens für eine Nacht. Aber er wäre Zara treu, hatte
Germeon gesagt. Das werden wir dann feststellen. Seine Treue war
vorhin schon gefährdet. Zara und Rain kamen auf mich zu. Und setzten
sich an den kleinen Tisch der mit den wertvoll bestickten Sesseln in
dem Zimmer stand. Rain forderte mich auf, mich zu setzen. Seine
liebevollen Augen von vorhin waren jetzt kühl. Nichts ließ mehr
darauf schließen, dass er mich vielleicht mochte. Ich war nur ein
Spielball in seinen Händen. Ihn lockte das Abenteuer. Er hatte
garantiert gewusst, dass seine Frau nachkam. Es hatte ihn gereizt, so
knapp vorher mich zu verführen .Genau wie er mich immer in Germeons
Nähe anmachte. Vermutete ich jetzt. Aber das war mir egal, ich
wollte diesen Mann. Ich warf ihm meinen verführerischsten Blick zu,
den ich hatte. Es wirkte, allerdings hauptsächlich auf Zara. Sie
schaute mich böse an. Eigentlich mochte ich sie ja, aber es ging um
Rain. Ich schob meinen Sessel ziemlich dicht zu ihm hin und setzte
mich und wandte mich erwartungsvoll ihm zu. Er schaute mich kurz an
und wer sagt es denn, sein kühler Blick fing zu schmelzen an.
„Wir
wollen mit dir reden“, fing Rain das Gespräch an und seine Augen
wanderten immer wieder zu mir. Ich spielte mit meinen Locken, denn es
war mir öfters aufgefallen, dass er irgendwie vernarrt in meinem
Haar war.
„Was ich sagen wollte“, er war echt irritiert und sein
Augen hingen an meinem Mund, den ich etwas öffnete und mit meine
Zungenspitze langsam meine obere Lippe befeuchte. Sein Blick
wanderte meinen Hals entlang und blieb an meinem Ausschnitt hängen.
Zara holte tief Luft. Ich glaube sie war kurz vor dem Explodieren.
Doch sie blieb ruhig und verfolgte das Spielchen. Rain stand auf.
Sein Hemd war immer noch offen und sein muskulöser Oberkörper kam
zum Vorschein. Dieser Mann war so sexy.
„Rain,
ziehe dich erst mal an, sonst machst du deinen Besuch noch ganz
verrückt!“, sagte Zara ziemlich gelassen. Rain stutzte. Dann viel
ihm das Hemd auf. Er knöpfte es zu und versuchte es einigermaßen in
die Hose zu stopfen. Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare und
band sie hinten zusammen. Es klopfte an der Tür und ein junger Mann
kam auf Zara zu und sagte ihr etwas in einer Sprache, die ich nicht
verstand.
„Ich
muss euch leider alleine lassen“, sagte sie. „Aber ich glaube,
es wird euch ohne mich nicht langweilig.“ Sie ging auf Rain zu und
küsste ihn. „Ich habe nachher noch eine Überraschung für dich,
ich glaube, die wird dich sehr freuen. Mach nicht alles kaputt
zwischen uns! Ich weiß, sie erinnert dich stark an Cira, aber sie
ist eine Fremde.“ Zara drehte sich um und verließ mit dem
gutaussehenden Mann das Zimmer. Ich konnte es fast nicht glauben. Sie
ließ mich mit ihrem Mann alleine, obwohl sie uns vorhin fast
zusammen erwischt hatte. Ich erinnerte Rain an Cira. Das war doch die
Hexe, die Rain immer noch liebte, so wie Germeon mir berichtet hatte.
Dann hatte ich ja ein leichteres Spiel. Ich stand auf und ging
auf Rain zu.
„Was
wolltest du mir sagen?“, flüsterte ich und streichelte seinen
Körper. Ich
wollte dich vor Germeon warnen“, antwortete er und wich zurück.
Doch ich schmiegte mich an ihn.
„Das hattest du doch heute schon
gedanklich gemacht. Ich glaube, ich müsste eher vor dir gewarnt
werde“, erwiderte ich leise und küsste seinen Oberkörper, denn
die Hemdknöpfe hatte ich schon wieder geöffnet.
„Henriette,
sei vernünftig. Er nahm meine Hände und wollte mich von sich
schieben. Aber ich küsste ihn auf den Mund und schmiegte mich eng an
ihn. Er ließ meine Hände los und umarmte mich und erwiderte meine
Küsse. Ich zog ihn immer weiter zum Bett.
„Wir
dürfen das nicht!“ sagte er und küsste mich aber weiter.
„Gerade
Verbotenes reizt doch“, antwortete ich. Ich spürte sein Verlangen
mich zu lieben. Aber ich merkte auch, dass er sich mit Macht dagegen
werte.
„Denke
an Cira. Du liebst sie doch so sehr! Du träumst von ihr. Du brennst
vor Verlangen nach ihr“, rief ich ihm Cira ins Gedächtnis und
küsste ihn. Er vergaß alles um sich herum und liebte mich. Er
nannte mich Cira, aber das war mir egal. Ich hatte es geschafft, von
ihm geliebt zu werden und es war wunderschön. Ich lag erschöpft
aber glücklich neben ihm. Er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren.
„Was haben wir getan“, sagte er. „Ich habe Zara betrogen.“
„Sie
wird es verkraften, sie kann sich glücklich schätzen, dich als Mann
zu haben. Du kannst doch jede Frau bekommen, die du willst.“ Er
schaute mich an.
„Du
bist eiskalt! Du hast es direkt darauf angelegt, mit mir im Bett zu
landen. Als du merktest, dass ich mich dagegen wehrte, hast du mich
an Cira erinnert. Du wusstest, dass ich sie über alles liebe.“
Rain stand auf und zog sich schnell an.
„Ich
muss sofort zu Zara!“ sagte er mehr zu sich selber.
Ich
schlüpfte ebenfalls in meine Kleidung. „Sie braucht es doch gar
nicht erfahren“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Soll
ich mit einer Lüge mit ihr leben?“, fauchte er mich an.
„Du
wolltest mir doch noch über Germeon etwas sagen“, versuchte ich
ihn abzulenken.
„Interessiert
nicht mehr. Wenn er mir unter die Augen kommt, bringe ich ihn um!“ entgegnete Rain zornig und begab sich zur Tür. Ich versuchte ihn
aufzuhalten.
„Hat
dir das mit uns denn gar nichts bedeutet?“, ich legte meine Hand auf
seine Schulter.
„Fass
mich nie wieder an!“, sagte er wütend und seine Augen waren fast
schwarz und sein Blick eiskalt. Ich ließ ihn sofort los, denn ich
hatte Angst vor ihm. Da war wieder die Veränderung wie im Café. Rain war wieder ein ganz anderer Mensch.
Ach, er war ja kein Mensch. Dann eben ein anderer Lux. Rain lief die
Treppen hinunter in die große Eingangshalle und fragte einen Diener, wo er Zara finden könnte. Der wies auf eine Tür, die sich in dem
Moment öffnete und mehrere Schlangenmenschen und Zara kamen aus
einem Raum. Zara ging lächelnd auf Rain zu.
„Ich
muss dich unbedingt sprechen“, hörte ich Rain sagen. So ein
Dummkopf, fand ich. Zara schien doch gut drauf zu sein. Sie ist so
jung, wer sagt ihm denn, dass sie ihn nicht auch betrügt. Zum
Beispiel mit dem junge Mann, der sie aus meinem Zimmer holte. Ich
fand, sie gingen sehr vertraut mit einander um.
„Du
willst die Überraschung wissen?“, sie lachte. Ich versteckte mich
hinter einer der großen Säulen.
„Zara,
ich muss dir was sagen“, ungeachtet der anderen Personen in der
Halle, die jedoch ziemlich abseits standen, kniete Rain vor Zara
nieder.
„Bitte
verzeihe mir. Ich bereue es. Es wird nie wieder vorkommen!“ Zara
wusste gleich, was Rain meinte und ihr Gesicht wurde traurig und sie
schaute in die Richtung, wo ich hinter der Säule stand und
vorsichtig von dort das Geschehen beobachtete. Sie konnte mich nicht
gesehen haben. Anscheinend sind die hier allwissend.
„Rain
ich hatte dich gewarnt! Jetzt ist die Überraschung überflüssig.
Ich möchte, dass du mein Land verlässt und dich hier nicht wieder
blicken lässt“, Zara wischte sich Tränen aus den Augen. „Ich
hatte dich so geliebt, aber du hast nichts Besseres zu tun, als mit
der Fremden, sobald ich dir den Rücken kehrte, mich zu betrügen.
Wegen der Scheidung hörst du von mir.“
„Zara,
ich liebe dich!“, versicherte Rain ihr und war aufgestanden und
versuchte sie festzuhalten.
„Das
glaube ich dir sogar. Aber ich sehe, du hast dich nicht geändert.
Wenn ich dir jetzt verzeihen würde, würdest du mich mit der
Nächsten betrügen. Ich kann so nicht mit dir leben. Was willst du
mir noch alles zumuten. Das Kind, welches Cira von dir bekommt. Cira,
die du mehr liebst als mich. Dein Leben mit der schwarzen Magie. Sie
hat dich so zum Nachteil verändert. Pass auf, dass sie dich nicht
bald ganz beherrscht. Lebe wohl Rain.“ Zara drehte sich um und ließ
Rain einfach stehen. Der junge Mann, der Zara abgeholt hatte, ging
jetzt auf Rain zu und legte freundschaftlich seinen Arm um ihn.
„Das
wird schon wieder, Zara liebt dich über alles“, versuchte er Rain
zu trösten. Rain legte einen Moment seinen Kopf auf die Schulter des
Mannes.
„Nein,
das ist vorbei. Zara ist eine stolze Frau. Sie wird mir nie verzeihen
Ich liebe sie so sehr. Ich will ohne sie nicht mehr leben. Sie hatte
eine Überraschung für mich. Ich glaube, sie erwartet ein Kind. Unser
Glück wäre perfekt gewesen. Ich habe alles verspielt für ein paar
Minuten Vergnügen mit einer Fremden, die mich an Cira erinnerte. Sie
hat mir immer wieder gesagt, ich soll an Cira denken. Sie muss von
Germeon gewusst haben, dass ich Cira sehr geliebt habe. Ich hatte mich
nicht mehr unter Kontrolle. Ich hatte mir vorgestellt, die fremde
wäre Cira. Diese lockigen blonden Haare. Sie haben mich so an sie
erinnert. Warum hat Zara mich mit dieser Frau alleine gelassen. Sie
hat mich auf eine zu harte Probe gestellt und ich habe verloren. Ich
habe alles verloren! Naro passe bitte auf Zara auf! Wenn du Germeon
siehst, töte ihn für mich. Er ist ein Verräter, hat man heute
erfahren.“
„Er
ist dein Neffe!“, sagte Naro erschrocken.
„Nein,
er ist nicht mehr mein Neffe. Wenn er mir unter die Augen kommt,
werde ich ihn eigenhändig töten! Berichte mir bitte laufend, wie es
Zara geht. Wenn sie sich scheiden lässt, werde ich mein Amt ablegen
und mich ins Land der schwarzen Magie zurückziehen. Lebe wohl!“
„Rain, du weißt, wie gefährlich das für dich ist. Denke an deine Kinder!
Das Jüngste ist noch so klein.“
„Es
ist bei Betty gut aufgehoben. Die sind alle gut aufgehoben, die
brauchen mich nicht!“, antwortete Rain und ging. Er wischte sich die
Augen. Er hatte geweint. Ich kam mir so mies vor. Ich hatte gerade
das Glück zweier Menschen zerstört, nur weil ich diesen Mann so
begehrte. Ich habe nur an mich gedacht. Ich habe Zara Rain nicht
gegönnt. Weil ich wegen Micha enttäuscht war, sollte es Anderen
auch nicht besser gehen. Was war nur in mich gefahren. Mir fiel ein,
dass Rain Germeon töten oder töten lassen wollte. Vielleicht wollte
er sich dadurch an mir rächen. Quatsch, er wollte mich schon vorher
vor Germeon warnen. Er wäre ein Verräter, hatte Rain zu diesem Naro
gesagt. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Germeon war dem Rain ja so
untergeben, der würde ihn nie verraten oder sonst etwas gegen ihn
unternehmen. Ich musste Germeon warnen. Außerdem war er der einzige,
den ich hier in der fremden Welt noch hatte. Das mit Rain und mir
werde ich ihm natürlich nicht erzählen. Das war auch blöd von
Rain, freiwillig Zara alles zu beichten. Hätte er den Mund gehalten
und so getan, als wäre alles paletti, wäre er jetzt noch glücklich.
Darum brauchte ich mir keine Gewissensbisse machen. Immerhin hatte
Rain sein Vergnügen gehabt. Warum hatte er mich immer so angemacht.
Er hatte selber Schuld. Ich begab mich auf den Weg in mein Zimmer, um
meine Sachen einzupacken. Kurz vor der Tür traf ich auf Zara.
Fortsetzung folgt...
Copyright by Helga Pikulik