Germeon
„Bitte
entschuldige, dass ich...“
„Ich
kann dich verstehen, dass du mich für so ein hübsches Mädchen hast
warten lassen“, unterbrach der Mann Germeon. „So bin ich eben zu
dir gekommen.“
„Entschuldige
bitte“, antwortete Germeon und hatte eine sehr unterwürfige
Haltung angenommen. „Ich weiß, ich durfte dich nicht warten
lassen“.
„Wir
bleiben hier!“, entschied der fremde Mann und wandte sich an mich.
„Sie
wollen uns doch nicht verlassen? Setzen sie sich doch noch etwas zu
uns. Ich glaube, Germeon würde sich freuen.“ Ich überlegte noch
kurz, aber ich war ziemlich neugierig geworden und wollte auch noch
gerne in Germeons Nähe sein. Mir tat es schon leid, dass ich ihn
vorhin zurückgestoßen hatte und gehen wollte. Ich begab mich wieder
an den Tisch, wo wir gefrühstückt hatten. Ich musste immer wieder
den fremden Mann anschauen. Er hatte irgendetwas anziehendes an sich.
Er kam näher auf mich zu und ergriff meine Hand und führte sie zu
seinem Mund und hauchte einen Kuss darauf.
„Sie
sind sehr schön!“, schmeichelte er mir. „Germeon hat Geschmack!
Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Rain.“ Er hielt immer noch
meine Hand fest und schaute mich verführerisch an und ließ seine
Blick über meinen Körper wandern. Warum entzog ich ihm nicht
einfach meine Hand? Aber ich war so fasziniert von ihm, dass ich
einfach dastand und mir seinen musternden Blick gefallen ließ.
„Ich
heiße Henriette,“ fand ich endlich wieder zu mir selber und wollte
ihm jetzt doch meine Hand entziehen. Er hielt sie jedoch fest und gab
mir einen richtigen Kuss darauf.
„Ein
schöner Name“, sagte er. „Setzen sie sich doch!“ Germeon ließ
sich nichts anmerken, obwohl er doch merkte, wie dieser Rain mit mir
flirtete. Rain setzte sich neben mir und Germeon nahm mir gegenüber
Platz. Irgendwie kamen mir die beiden plötzlich unheimlich vor.
Beide hatten die langen schwarzen Haare und schienen wohl verwandt zu
sein, denn die Ähnlichkeit war groß. Und dann die Kleidung von
diesem Rain. Wer lief denn in der Öffentlichkeit mit so viel
Goldschmuck herum und mit dem Umhang. Aber bis auf die Hautfarbe
sahen sie wie Menschen aus. Und wie hatte Germeon mich gefunden?
Jetzt ertappte ich mich, dass ich an den Schwachsinn von einer
anderen Welt fast glaubte. Vielleicht wirkte der Glühwein noch bei
mir.
„Wie
haben sie sich kennen gelernt?“, wollte Rain wissen und schaute mich
lächelnd an. Ein wunderschönes Lächeln, was mich schon bei Germeon
faszinierte. Und eine schöne Stimme hatte dieser Rain. Der könnte
jede Frau verführen, schoss es mir mit einmal durch den Kopf.
„Wir
haben uns im Regen kennengelernt“, informierte ich ihn knapp, denn
ich nahm an, dass er sich mit Germeon nicht treffen wollte, um sich
mit ihm über dessen Mädchenfreundschaften zu unterhalten. Rain
legte seine Hand auf meine. Ich wollte sie ihm entziehen, aber ein
merkwürdiges Gefühl in mir ließ es nicht zu. Was war denn heute
los mit mir. Erst verliebe ich mich in Germeon, den ich kaum kannte
und jetzt zog mich dieser Rain in seinen Bann. Ich werde nie wieder
Glühwein trinken, schwor ich mir. Rain spielte unterdessen mit
meinen Fingern und streichelte dann sachte meine Hand. Ein kalter
Schauer lief mir über den Rücken und ich bekam eine Gänsehaut. Mir
fiel ein Ring an seiner Hand auf. Er hatte das selbe Wappen wie seine
Kette. Es stellte einen Drachen da. Ob dieser Mann adelig war? Ein
Wappen trug nicht jeder mit sich herum.
„Aus
welchem Land kommen sie?“, fragte ich ihn. Er schaute mich mit
seinem verführerischen Lächeln an. Endlich ließ er meine Hand los,
aber nicht ohne sie vorher zu küssen und ich merkte, wie Germeon
aufatmete.
„Schade,
dass ich verheiratet bin, sonst hätte ich versucht, sie meinem
Neffen auszuspannen“, gab er ungeniert zu. Der war also verheiratet
und flirtete mit mir herum? Was war das denn für ein Typ?
„Hat
mein Neffe ihnen noch nicht erzählt, wo wir herkommen?“, fragte er
mich. „Das sollte er aber, bevor er einem Mädchen in der Welt der
Menschen den Kopf verdreht! Meinst du nicht auch, Germeon?“ Rügte
Rain Germeon und schaute ihn streng an.
„Er
hat mir gesagt, dass er aus einer anderen Welt käme, aber ich habe
ihm nicht geglaubt“, nahm ich Germeon in Schutz. Rain war also
Germeons Onkel und schien irgendwie Macht auf ihn auszuüben, denn
Germeon war ihm scheinbar ganz ergeben. Er sagte keinen Ton und ließ
sich nichts anmerken, wenn sein Onkel mich in seiner Gegenwart
anmachte.
„Wir
kommen wirklich aus einer anderen Welt und gehören zum Volk der
Lux“, versuchte Rain mir glaubhaft zu machen.
„Darf
ich ihnen etwas bringen?“, fragte Mia uns und musterte ihren
seltsamen Gast und schaute mich fragend an?
„Die
Herren kommen aus einer anderen Welt“, sagte ich zu Mia.
„Verstehe,
Zoo!“ antwortete sie und grinste Germeon an. Dieser verzog jedoch
keine Miene.
„Wieso
Zoo?“, wollte Rain wissen und schaute Mia fragend an.
„Nicht
Affen, Raubkatzen! Luxe!“, erklärte ich ihr.
„Ach
so!“, meinte sie. „Keine Bananen. Vielleicht Milch?“ Fragte sie
mich und lächelte.
Ich
musste lachen und auch Germeon konnte sein Lachen nicht mehr
verbergen, entschuldigte sich aber sofort bei seinem Onkel und
versuchte wieder ernst zu sein. Mein Gott, musste der bei seinem
Onkel unter der Kandare stehen. Mia zwinkerte mir in Richtung Rain
zu, als wenn sie sagen wollte: Was ist das für ein Sturkopf; denn
Rain verzog keine Miene.
„Sie
haben ein lustiges Café!“, stellte Rain fest. „Milch mag ich
nicht. Bringen sie mir bitte einen Whisky.“ Germeon und ich sagten
fast gleichzeitig: „Mir auch!“ Mia schaute mich fragend an,
verstand dann aber wohl, dass ich jetzt etwas Härteres brauchte. Nun
saßen wir da und schwiegen uns an. Die beiden Damen waren immer noch
da und hatten ihr Interesse voll auf uns gelenkt und auch die Mutter
mit dem kleinen Mädchen war noch anwesend. Das Kind starrte schon
länger Rain an. Plötzlich stand es auf und ging direkt auf ihn zu.
Rain schaute verwundert auf die Kleine.
„Kannst
du auch Eier köpfen?“, fragte es.
„Svenja,
lass den Herrn in Ruhe, komm hier hin“, rief die Mutter, aber
Svenja störte sich nicht daran sondern wartete hartnäckig auf eine
Antwort.
„Nein,
das kann nur Germeon“, antwortete Rain.
„Wer
ist Germeon?“, fragte das Kind.
„Der
junge Mann, der dir das Ei wieder gegeben hat.“ Rain wies mit der
Hand auf seinen Neffen. Svenja schaute Rain einen Moment an. „Hat
er dir das erzählt?“
„Nein,
der ist heute sehr schweigsam“, erwiderte Rain.
„Woher
weißt du das dann?“, wollte Svenja das Gleiche wissen, was mich
auch interessierte.
„Wir
sind Zauberer und die wissen viel“, erklärte Rain ihr.
„Ich
habe im Fernsehen schon Zauberer gesehen“, antwortete Svenja und
gab sich mit Rains Antwort zu Frieden und ging wieder zu ihrer
Mutter. „Das sind Zauberer. Aber ein Ei kann der eine Mann nicht
köpfen, dafür weiß er aber viel!“ Hörten wir Svenja ihrer
Mutter berichten. Ein kurzes Lächeln huschte über Rains Gesicht.
„Wir
sind Magier“, wandte Rain sich an mich, während Mia uns die
Getränke brachte.
„Sind
sie vom Zirkus, der hier am Wochenende seine Zelte aufbaut?“, fragte
Mia. Rain schaute sie eiskalt an. „Sie haben es wohl mit den
Tieren?“, fragte er und kippte seinen Whisky herunter und bestellte
noch einen. Pikiert ging Mia.
„Hast
du etwas herausbekommen?“, fragte Rain seinen Neffen.
„Nein,
leider nicht. Übrigens kennt Henriette deine Tochter vom Praktikum
im Kindergarten“, antwortete Germeon.
„Ich
weiß aber auch nicht wo sie ist“, antwortete ich, als ich Rains
erwartungsvollen Blick auf mich gerichtet sah. Mia brachte den
Whisky.
„Ich
wollte vorhin nicht unfreundlich sein, entschuldigen sie bitte“, sagte Rain zu Mia.
„Schon
gut“, meinte sie und ging wieder. Germeon schaute seinen Onkel
überrascht an.
„Ich
muss Höflichkeit noch lernen“, sagte Rain und trank seinen Whisky.
„Wenn ich meine Tochter nicht bald finde, schicke ich ein ganzes
Heer in die Welt der Menschen und lasse sie suchen“, rief er
grimmig, dass die anderen Gäste erschraken. Inzwischen hatte sich
das Café gefüllt.
„Wie
kann man auch morgens schon Whisky trinken“, schob ein Gast Rains
Verhalten auf den Alkohol. Rain erhob sich. Bitte Onkel, lass den
Mann. Versuchte Germeon ihn zu besänftigen. Rain hatte jetzt den
gleichen dunklen Blick wie seine Tochter, viel mir auf.
„Ich
lass mich doch nicht von dem Kerl als Säufer hinstellen“, wurde
Rain noch wütender.
„Traurig,
wenn man morgens schon Alkohol braucht“, provozierte der Mann ihn.
Rain griff nach seinem goldenen Stab, den er am Gürtel befestigt
hatte.
Fortsetzung folgt...
copyright by Helga Pikulik
Fortsetzung folgt...
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