Mittwoch, 30. Januar 2019

Germeon 1. Fortsetzung Fantasyroman aus der Reihe LUX




Germeon

„Das duftet hier ja herrlich!“, sagte der junge Mann, als er herein kam. Fasziniert schaute ich ihn an. Er hatte sein Haar geföhnt, und es fiel jetzt locker bis über die Schultern. Es war pechschwarz und er sah noch besser aus als mit den nassen Haaren. Eine Schönheit von Mann.
„Die Kleidung passt wie angegossen!“, bemerkte ich. „Ich habe Glühwein gemacht, damit du auch von innen wieder warm wirst. Der duftet so.“ Teilte ich ihm mit und forderte ihn auf, sich zu setzen. Ich goss den Glühwein in zwei Becher und gab ihm einen.
„So, damit du nicht krank wirst. Pass auf, der Glühwein ist sehr heiß!“ Der Mann probierte das Getränk.
„Der schmeckt gut, so habe ich Wein noch nie getrunken“, meinte er.
„Kennst du keinen Glühwein?“, fragte ich verwundert.
„Nein, wo ich herkomme, kennt man so etwas nicht“, antwortete er.
„Wo kommst du denn her?“, wenn ich fragen darf.
„Das würdest du doch nicht glauben, wenn ich es dir verraten würde!“ Er lächelte mich an, als hätte er etwas zu verbergen. Wie süß er war, wenn er lächelte. Meine Eltern würde der Schlag treffen, wenn sie wüssten, dass ich am frühen Morgen einen wildfremden Mann ins Haus gelassen hatte. Aber irgendwie hatte ich Vertrauen zu ihm, oder war es nur seine Schönheit und seine athletische Figur, die mich betörte? Egal, jetzt war er da und ich habe ihn womöglich vor einer Lungenentzündung gerettet.
„Wohnst du in Osnabrück?“, fragte ich neugierig.
„Nein, dann würde ich sicher Glühwein kennen!“, ärgerte er mich und grinste. „Neugierig bist du überhaupt nicht?“
„Überhaupt nicht!“, bestätigte ich ihm und musste auch lachen. „Aber wissen möchte ich alles!“ Ich goss ihm Glühwein nach.
„Du bist irgendwie ein verrücktes Huhn!“, sagte er.
„Warum?“ Wollte ich wissen.
„Ich meine nur so, lässt dich von einem wildfremden Mann in der Nacht anquatschen und holst ihn auch noch ins Haus. Und um diese Zeit heißen Wein trinken! Ich glaube, das gibt es nirgendwo. Andere kochen höchstens Kaffee“, meinte er und schaute mich ganz lieb an, oder bildete ich es mir nur ein?
„Glühwein soll der Erkältung vorbeugen, aber wenn du schon erkältet bist, ist Alkohol natürlich gar nicht gut!“, erklärte ich ihm. „Möchtest du auf der Liege schlafen?“ Fragte ich.
„Ich bin gar nicht müde, aber darum kannst du ruhig schlafen gehen“, antwortete er.
„Ich bin auch nicht müde. Wir könnten zum Frühstücken gehen“, schlug ich vor und ging zum Fenster. „Es hat aufgehört zu regnen.“
„Okay!“ stimmte er zu..
„Dann bekommst du auch deinen Kaffee am Morgen wie jeder normale Mensch, anstatt Glühwein“, entgegnete ich.
„Also bist du kein normaler Mensch, weil du dir gleich zum Brötchen sicher Glühwein bestellst!“, ärgerte er mich und lachte.
„Hast ihn ja selber so früh am Morgen getrunken!“, tat ich beleidigt.
„Ich bin ja auch kein Mensch!“, erwiderte er und schaute mich ernst an.
„Was bist du dann, ein Affe?“, alberte ich weiter und lachte. Ich versuchte wie ein Affe zu laufen und gab komische Töne von mir.
„Sehe ich wie ein Affe aus?“, fragte er und lächelte.
„Hier ist es sehr gemütlich!“ Ich blieb vor einem kleinen Café stehen.
„Dürfen da Affen rein?“, er grinste mich an.
„Du bist kein Affe, das war doch nur Spaß!“, sagte ich und zog ihn ins Café.
„Helfen sie mir! Die junge Dame hat mich entführt! Ich gehören in den Zoo zu den Affen!“, wandte er sich Hilfe suchend an die Verkäuferin. Diese begrüßte uns und grinste.
„Na, Henriette! Heute schon so früh?“, fragte sie. Sie hieß Mia und wir kannten uns inzwischen gut, da ich mich oft in dem Café aufhielt.
„Ja, ich muss ihn heute Mittag pünktlich zur Fütterung im Zoo wieder abliefern“, scherzte ich.
„Für dich ein Frühstück und für den jungen Mann Bananen?“, fragte sie todernst, konnte sich aber garantiert das Lachen kaum verkneifen.
„Ich gebe mich geschlagen!“, sagte mein Begleiter. „Bitte eine Banane und einen Glühwein!“, bestellte er. Jetzt musste Mia doch lachen.
„Du hast ja nur Strümpfe an!“, rief ich erschrocken, bekam aber dann einen Lachkrampf.
„Hast du schon einmal einen Affen mit Schuhe gesehen?“, fragte er ganz sachlich. „Wir Affen brauchen Sonderanfertigungen und meine sind noch nicht fertig.“ Teilte er mir mit. Ich packte ihn am Ärmel und zog ihn an einen Tisch in eine Ecke. Die wenigen Gäste, die in der Frühe im Café waren, lächelten uns an. Sie hatten den ganzen Spaß mitbekommen. Nur ein etwas älterer Herr mit mürrischem Gesicht zog seine Zeitung demonstrativ höher, nachdem er Germeons Füße begutachtet hatte. Mia deckte uns den Frühstückstisch und goss den Kaffee ein.
„Wo ist der Glühwein?“, wollte der junge Mann wissen.
„Für Glühwein ist es noch viel zu früh!“, antwortete Mia.
„Das glauben sie! Ich kenne ein ganz verrücktes Huhn, das trinkt ihn schon kurz nach sechs Uhr morgens!“, klärte er Mia auf.
„Ich glaube ihnen tut eine Tasse Kaffee jetzt gut. War wohl gestern etwas zu viel Alkohol?“, meinte sie.
„Gestern nicht, heute Morgen!“, erwiderte er und lächelte Mia an. „Ich bin aber noch ziemlich nüchtern, Affen trinken nicht viel.“
„Guten Appetit!“, wünschte Mia uns und ging wieder hinter ihren Tresen, um Kunden zu bedienen.
„Heute Nacht dachte ich, dass du sehr schweigsam bist, aber das stimmt wohl nicht, oder kommt das vom Wein?“, fragte ich ihn.
„Nein, die zwei Becher Glühwein kann ich vertragen. Das Volk, von dem ich abstamme, ist sehr fröhlich und immer zum Scherzen aufgelegt. Henriette! Ein schöner Name!“, meinte er.
„Deinen Namen weiß ich gar nicht!“, fällt mir gerade auf.
„Ich heiße Germeon!“, stellte er sich vor.
„Den Namen habe ich noch nie gehört! Kommst du aus einem anderen Land?“, fragte ich.
„Ja, vom Planeten der Affen!“, scherzte er schon wieder.
„Nun bleib doch mal ernst!“, forderte ich ihn auf.
„Ich bleibe ja, aber ich heiße nicht Ernst“, spielte er mit meinen Worten. Er nahm das Frühstücksei und ein Messer und schlug die Kuppe vom Ei ab.
„Geköpft!“, rief er. Der Mann mit der Zeitung murmelte irgendetwas. Auf jeden Fall fühlte er sich gestört.
„Möchte noch jemand geköpft werden?“, fragte Germeon in den Raum hinein und schaute zum Herrn mit der Zeitung. Der wollte gerade etwas sagen, aber Germeon hielt seinen Finger vor dem Mund und sagte: „Pisst! Schön artig sein!“ Ich hielt mir die Hände vor dem Mund, denn ich hatte einen Lachkrampf bekommen.
„Ich will auch mein Ei totschlagen!“, rief ein kleines Mädchen.
„Das Ei ist schon tot, es ist gekocht!“, antwortete die Mutter.
„Ich will das Messer haben! Ich will mein Ei köpfen!“, ließ das Kind nicht locker.
„Der ältere Herr schimpfte in seine Zeitung hinein und zwei Damen verfolgten interessiert, wer von den beiden siegen würde, Mutter oder Tochter. Und dann rollte das Ei vom Tisch und das kleine Mädchen fing an zu weinen. Die Nerven des Herrn mit der Zeitung lagen blank. Jetzt fing er laut an zu schimpfen, dass man am frühen Morgen hier noch nicht einmal Zeitung lesen könnte. Germeon stand auf und ich befürchtete schon das Schlimmste. Aber er hob das Ei auf und legte es dem Mädchen auf den Teller.
„Musst nicht weinen, das Ei ist doch heile geblieben. Deine Mutter hilft dir sicher beim öffnen der Eierschale.“
„Danke!“, seufzte das Mädchen und hörte auf zu weinen. Germeon warf der Mutter sein entzückendes Lächeln zu und ich merkte, wie sie etwas rot wurde. Germeon wandte sich dem schimpfenden Herrn zu. „Sie können ihre Zeitung nicht lesen?“, fragte er ihn. „Kann ich ihnen behilflich sein und ihnen vorlesen?“
„Das ist eine Frechheit!“, sagte der Herr, stand auf, legte sein Geld auf den Tresen und verließ laut schimpfend das Café.
„Den hast du vergrault“, lachte ich.
„Ich wollte ihm doch nur helfen“, antwortete Germeon und tat total unschuldig.
„War das Ei wirklich noch heile?“, fragte ich, denn ich konnte schwören, es auf der Erde ziemlich zerdrückt gesehen zu haben. So einen Sturz vom Tisch hielt auch kein gekochtes Ei aus.“
„Ich bin ein Zauberer und habe es heile gezaubert“, antwortete Germeon.
„Nun werde mal endlich ernst!“, forderte ich ihn auf.
„Bin ich ja!“, beteuerte er. Er nahm meine Hand und schaute mich an. Er hatte sehr blaue Augen. „Ich mag dich, Henriette.“ Er führte meine Hand zu seinem Mund und küsste sie sanft. Ich ließ es geschehen, denn ich war so überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet. Wieder schaute er mich an.
„Ich habe mich in dich verliebt!“, flüsterte er mir zu. Mein Herz klopfte, als wollte es aus meiner Kehle springen. Erst jetzt wurde ich mir darüber klar, dass auch ich mich in ihn verliebt hatte.
„Ich muss dich gleich verlassen, ich habe eine Verabredung. Ich weiß nicht, ob wir uns noch einmal wieder sehen“, sagte er traurig.
„Ich liebe dich auch, warum können wir uns nicht mehr sehen?“, fragte ich irritiert.
„Ich komme nicht von hier, ich bin nur vorübergehend hier, weil ich jemanden suchte.
„Hier aus der Gegend?“, wollte ich wissen.
„Ja, ein Mädchen. Aber es hält sich höchstwahrscheinlich wo anders auf, denn ich habe sie nicht gefunden.“ Germeon zog ein Bild hervor und zeigte es mir.
„Das Mädchen kenne ich vom Kindergarten her! Es wurde immer von ihrer Großmutter oder einem Kindermädchen gebracht und abgeholt. Ich machte damals mein Praktikum im Kindergarten. Ein seltsames Mädchen. Ich werde nie seine Augen vergessen. Sie waren fast schwarz. Das Kind beschäftigte sich immer alleine. Es konnte schon lesen und war auch sonst mit ihrem Wissen den anderen Kindern weit voraus. Was ist mit dem Mädchen? Ist es verschwunden?“
„Ja, wir suchen es schon seit längerer Zeit. Immer, wenn wir eine Spur haben, bricht sie wieder ab. Aber das alles wirst du nicht verstehen. Ich muss jetzt gehen, ich bin schon spät dran.“ Germeon stand auf.
„Werden wir uns nicht wiedersehen?“, fragte ich und Tränen standen in meinen Augen. Vorsichtig wischte er sie fort. Sein Gesicht kam dem meinen sehr nahe und ich hatte das Gefühl, er wollte mich küssen. Doch er hielt kurz inne und umarmte mich dann. Er drückte mich dicht an sich und streichelte mein Haar.
„Vielleicht komme ich wieder, ich weiß ja wo du wohnst, aber wir haben keine gemeinsame Zukunft!“, sagte er.
„Bist du verheiratet?“, wollte ich wissen.
„Nein, deshalb nicht. Ich komme aus einer anderen Welt“, antwortete er.
„Mach doch nicht in den letzten Minuten noch Scherze“, erwiderte ich traurig.
„Ich mache keine Scherze!“, sagte er. „Aber ich kann begreifen, dass du mir nicht glaubst.“
„Bist du der Mann im Mond?“, fragte ich zynisch.
„Nein, der hat doch ein Fuder Holz auf dem Rücken“; antwortete er und lachte.
„Ach, das weißt du? Dann kann deine Welt nicht so weit sein“, stellte ich fest.
Ich habe es in einem Buch aus der Menschenwelt gelesen“, erklärte er. 
„Und du bist kein Mensch? Veralbern kann ich mich selber!“ Ich schob ihn verärgert von mir und wollte gehen, als plötzlich ein Mann auf uns zu kam. Er hatte die gleichen schwarzen Haare wie Germeon, nur etwas länger und seine Haut war auch hell, fast wie Elfenbein. Er war älter als Germeon, aber trotzdem übertraf er ihn an Schönheit. Er musterte mich von oben nach unten mit seinen stahlblauen Augen. Doch ich meinte einen dunklen Schimmer in den Augen zu sehen. Der Blick ließ mich unwillkürlich an das Mädchen denken, welches Germeon suchte. Der Mann sah sehr stolz, fast arrogant aus. Er trug eine enge schwarze Hose aus Leder und ein weißes, enganliegendes Hemd. Um seinen Schultern hatte er einen langen, bordeauxroten Umhang und um den Hals hatte er mehrere Goldketten und eine schwere goldene Kette mit einem Wappen zierte seine Brust. An seinem Gürtel war ein goldener Stab befestigt. Seine Finger zierten mehrere goldene Ringe mit Edelsteine.. Würde dieser Typ mir sagen, er käme aus einer anderen Welt, würde ich es fast glauben. Germeon, der versucht hatte mich aufzuhalten, ließ mich sofort los. Hatte er etwa Angst vor diesem Mann?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen