Germeon
„Das
duftet hier ja herrlich!“, sagte der junge Mann, als er herein kam.
Fasziniert schaute ich ihn an. Er hatte sein Haar geföhnt, und es
fiel jetzt locker bis über die Schultern. Es war pechschwarz und er
sah noch besser aus als mit den nassen Haaren. Eine Schönheit
von Mann.
„Die
Kleidung passt wie angegossen!“, bemerkte ich. „Ich habe Glühwein
gemacht, damit du auch von innen wieder warm wirst. Der duftet so.“
Teilte ich ihm mit und forderte ihn auf, sich zu setzen. Ich goss den
Glühwein in zwei Becher und gab ihm einen.
„So,
damit du nicht krank wirst. Pass auf, der Glühwein ist sehr heiß!“
Der Mann probierte das Getränk.
„Der
schmeckt gut, so habe ich Wein noch nie getrunken“, meinte er.
„Kennst
du keinen Glühwein?“, fragte ich verwundert.
„Nein,
wo ich herkomme, kennt man so etwas nicht“, antwortete er.
„Wo
kommst du denn her?“, wenn ich fragen darf.
„Das
würdest du doch nicht glauben, wenn ich es dir verraten würde!“
Er lächelte mich an, als hätte er etwas zu verbergen. Wie süß er
war, wenn er lächelte. Meine Eltern würde der Schlag treffen, wenn
sie wüssten, dass ich am frühen Morgen einen wildfremden Mann ins
Haus gelassen hatte. Aber irgendwie hatte ich Vertrauen zu ihm, oder
war es nur seine Schönheit und seine athletische Figur, die mich
betörte? Egal, jetzt war er da und ich habe ihn womöglich vor einer
Lungenentzündung gerettet.
„Wohnst
du in Osnabrück?“, fragte ich neugierig.
„Nein,
dann würde ich sicher Glühwein kennen!“, ärgerte er mich und
grinste. „Neugierig bist du überhaupt nicht?“
„Überhaupt
nicht!“, bestätigte ich ihm und musste auch lachen. „Aber wissen
möchte ich alles!“ Ich goss ihm Glühwein nach.
„Du
bist irgendwie ein verrücktes Huhn!“, sagte er.
„Warum?“
Wollte ich wissen.
„Ich
meine nur so, lässt dich von einem wildfremden Mann in der Nacht
anquatschen und holst ihn auch noch ins Haus. Und um diese Zeit
heißen Wein trinken! Ich glaube, das gibt es nirgendwo. Andere kochen
höchstens Kaffee“, meinte er und schaute mich ganz lieb an, oder
bildete ich es mir nur ein?
„Glühwein
soll der Erkältung vorbeugen, aber wenn du schon erkältet bist, ist
Alkohol natürlich gar nicht gut!“, erklärte ich ihm. „Möchtest
du auf der Liege schlafen?“ Fragte ich.
„Ich
bin gar nicht müde, aber darum kannst du ruhig schlafen gehen“, antwortete er.
„Ich
bin auch nicht müde. Wir könnten zum Frühstücken gehen“, schlug
ich vor und ging zum Fenster. „Es hat aufgehört zu regnen.“
„Okay!“ stimmte er zu..
„Dann
bekommst du auch deinen Kaffee am Morgen wie jeder normale Mensch,
anstatt Glühwein“, entgegnete ich.
„Also
bist du kein normaler Mensch, weil du dir gleich zum Brötchen sicher
Glühwein bestellst!“, ärgerte er mich und lachte.
„Hast
ihn ja selber so früh am Morgen getrunken!“, tat ich beleidigt.
„Ich
bin ja auch kein Mensch!“, erwiderte er und schaute mich ernst an.
„Was
bist du dann, ein Affe?“, alberte ich weiter und lachte. Ich
versuchte wie ein Affe zu laufen und gab komische Töne von mir.
„Sehe
ich wie ein Affe aus?“, fragte er und lächelte.
„Hier
ist es sehr gemütlich!“ Ich blieb vor einem kleinen Café stehen.
„Dürfen
da Affen rein?“, er grinste mich an.
„Du
bist kein Affe, das war doch nur Spaß!“, sagte ich und zog ihn ins
Café.
„Helfen
sie mir! Die junge Dame hat mich entführt! Ich gehören in den Zoo
zu den Affen!“, wandte er sich Hilfe suchend an die Verkäuferin.
Diese begrüßte uns und grinste.
„Na,
Henriette! Heute schon so früh?“, fragte sie. Sie hieß Mia und wir
kannten uns inzwischen gut, da ich mich oft in dem Café aufhielt.
„Ja,
ich muss ihn heute Mittag pünktlich zur Fütterung im Zoo wieder
abliefern“, scherzte ich.
„Für
dich ein Frühstück und für den jungen Mann Bananen?“, fragte sie
todernst, konnte sich aber garantiert das Lachen kaum verkneifen.
„Ich
gebe mich geschlagen!“, sagte mein Begleiter. „Bitte eine Banane
und einen Glühwein!“, bestellte er. Jetzt musste Mia doch lachen.
„Du
hast ja nur Strümpfe an!“, rief ich erschrocken, bekam aber dann
einen Lachkrampf.
„Hast
du schon einmal einen Affen mit Schuhe gesehen?“, fragte er ganz
sachlich. „Wir Affen brauchen Sonderanfertigungen und meine sind
noch nicht fertig.“ Teilte er mir mit. Ich packte ihn am Ärmel und
zog ihn an einen Tisch in eine Ecke. Die wenigen Gäste, die in der
Frühe im Café waren, lächelten uns an. Sie hatten den ganzen Spaß
mitbekommen. Nur ein etwas älterer Herr mit mürrischem Gesicht zog
seine Zeitung demonstrativ höher, nachdem er Germeons Füße
begutachtet hatte. Mia deckte uns den Frühstückstisch und goss den
Kaffee ein.
„Wo
ist der Glühwein?“, wollte der junge Mann wissen.
„Für
Glühwein ist es noch viel zu früh!“, antwortete Mia.
„Das
glauben sie! Ich kenne ein ganz verrücktes Huhn, das trinkt ihn
schon kurz nach sechs Uhr morgens!“, klärte er Mia auf.
„Ich
glaube ihnen tut eine Tasse Kaffee jetzt gut. War wohl gestern etwas
zu viel Alkohol?“, meinte sie.
„Gestern
nicht, heute Morgen!“, erwiderte er und lächelte Mia an. „Ich bin
aber noch ziemlich nüchtern, Affen trinken nicht viel.“
„Guten
Appetit!“, wünschte Mia uns und ging wieder hinter ihren Tresen, um
Kunden zu bedienen.
„Heute
Nacht dachte ich, dass du sehr schweigsam bist, aber das stimmt wohl
nicht, oder kommt das vom Wein?“, fragte ich ihn.
„Nein,
die zwei Becher Glühwein kann ich vertragen. Das Volk, von dem ich
abstamme, ist sehr fröhlich und immer zum Scherzen aufgelegt.
Henriette! Ein schöner Name!“, meinte er.
„Deinen
Namen weiß ich gar nicht!“, fällt mir gerade auf.
„Ich
heiße Germeon!“, stellte er sich vor.
„Den
Namen habe ich noch nie gehört! Kommst du aus einem anderen Land?“, fragte ich.
„Ja,
vom Planeten der Affen!“, scherzte er schon wieder.
„Nun
bleib doch mal ernst!“, forderte ich ihn auf.
„Ich
bleibe ja, aber ich heiße nicht Ernst“, spielte er mit meinen
Worten. Er nahm das Frühstücksei und ein Messer und schlug die
Kuppe vom Ei ab.
„Geköpft!“,
rief er. Der Mann mit der Zeitung murmelte irgendetwas. Auf jeden
Fall fühlte er sich gestört.
„Möchte
noch jemand geköpft werden?“, fragte Germeon in den Raum hinein und
schaute zum Herrn mit der Zeitung. Der wollte gerade etwas sagen,
aber Germeon hielt seinen Finger vor dem Mund und sagte: „Pisst!
Schön artig sein!“ Ich hielt mir die Hände vor dem Mund, denn ich
hatte einen Lachkrampf bekommen.
„Ich
will auch mein Ei totschlagen!“, rief ein kleines Mädchen.
„Das
Ei ist schon tot, es ist gekocht!“, antwortete die Mutter.
„Ich
will das Messer haben! Ich will mein Ei köpfen!“, ließ das Kind
nicht locker.
„Der
ältere Herr schimpfte in seine Zeitung hinein und zwei Damen
verfolgten interessiert, wer von den beiden siegen würde, Mutter
oder Tochter. Und dann rollte das Ei vom Tisch und das kleine Mädchen
fing an zu weinen. Die Nerven des Herrn mit der Zeitung lagen blank.
Jetzt fing er laut an zu schimpfen, dass man am frühen Morgen hier
noch nicht einmal Zeitung lesen könnte. Germeon stand auf und ich
befürchtete schon das Schlimmste. Aber er hob das Ei auf und legte
es dem Mädchen auf den Teller.
„Musst
nicht weinen, das Ei ist doch heile geblieben. Deine Mutter hilft dir
sicher beim öffnen der Eierschale.“
„Danke!“, seufzte das Mädchen und hörte auf zu weinen. Germeon warf der
Mutter sein entzückendes Lächeln zu und ich merkte, wie sie etwas
rot wurde. Germeon wandte sich dem schimpfenden Herrn zu. „Sie
können ihre Zeitung nicht lesen?“, fragte er ihn. „Kann ich
ihnen behilflich sein und ihnen vorlesen?“
„Das
ist eine Frechheit!“, sagte der Herr, stand auf, legte sein Geld auf
den Tresen und verließ laut schimpfend das Café.
„Den
hast du vergrault“, lachte ich.
„Ich
wollte ihm doch nur helfen“, antwortete Germeon und tat total
unschuldig.
„War
das Ei wirklich noch heile?“, fragte ich, denn ich konnte schwören,
es auf der Erde ziemlich zerdrückt gesehen zu haben. So einen Sturz
vom Tisch hielt auch kein gekochtes Ei aus.“
„Ich
bin ein Zauberer und habe es heile gezaubert“, antwortete Germeon.
„Nun
werde mal endlich ernst!“, forderte ich ihn auf.
„Bin
ich ja!“, beteuerte er. Er nahm meine Hand und schaute mich an. Er
hatte sehr blaue Augen. „Ich mag dich, Henriette.“ Er führte
meine Hand zu seinem Mund und küsste sie sanft. Ich ließ es
geschehen, denn ich war so überrascht, damit hatte ich nicht
gerechnet. Wieder schaute er mich an.
„Ich
habe mich in dich verliebt!“, flüsterte er mir zu. Mein Herz
klopfte, als wollte es aus meiner Kehle springen. Erst jetzt wurde
ich mir darüber klar, dass auch ich mich in ihn verliebt hatte.
„Ich
muss dich gleich verlassen, ich habe eine Verabredung. Ich weiß
nicht, ob wir uns noch einmal wieder sehen“, sagte er traurig.
„Ich
liebe dich auch, warum können wir uns nicht mehr sehen?“, fragte
ich irritiert.
„Ich
komme nicht von hier, ich bin nur vorübergehend hier, weil
ich jemanden suchte.
„Hier
aus der Gegend?“, wollte ich wissen.
„Ja,
ein Mädchen. Aber es hält sich höchstwahrscheinlich wo anders auf,
denn ich habe sie nicht gefunden.“ Germeon zog ein Bild hervor und
zeigte es mir.
„Das
Mädchen kenne ich vom Kindergarten her! Es wurde immer von ihrer
Großmutter oder einem Kindermädchen gebracht und abgeholt. Ich
machte damals mein Praktikum im Kindergarten. Ein seltsames Mädchen.
Ich werde nie seine Augen vergessen. Sie waren fast schwarz. Das Kind
beschäftigte sich immer alleine. Es konnte schon lesen und war auch
sonst mit ihrem Wissen den anderen Kindern weit voraus. Was ist mit
dem Mädchen? Ist es verschwunden?“
„Ja,
wir suchen es schon seit längerer Zeit. Immer, wenn wir eine Spur
haben, bricht sie wieder ab. Aber das alles wirst du nicht verstehen.
Ich muss jetzt gehen, ich bin schon spät dran.“ Germeon stand auf.
„Werden
wir uns nicht wiedersehen?“, fragte ich und Tränen standen in
meinen Augen. Vorsichtig wischte er sie fort. Sein Gesicht kam dem
meinen sehr nahe und ich hatte das Gefühl, er wollte mich küssen.
Doch er hielt kurz inne und umarmte mich dann. Er drückte mich dicht
an sich und streichelte mein Haar.
„Vielleicht
komme ich wieder, ich weiß ja wo du wohnst, aber wir haben keine
gemeinsame Zukunft!“, sagte er.
„Bist
du verheiratet?“, wollte ich wissen.
„Nein,
deshalb nicht. Ich komme aus einer anderen Welt“, antwortete er.
„Mach
doch nicht in den letzten Minuten noch Scherze“, erwiderte ich
traurig.
„Ich
mache keine Scherze!“, sagte er. „Aber ich kann begreifen, dass du
mir nicht glaubst.“
„Bist
du der Mann im Mond?“, fragte ich zynisch.
„Nein,
der hat doch ein Fuder Holz auf dem Rücken“; antwortete er und
lachte.
„Ach,
das weißt du? Dann kann deine Welt nicht so weit sein“, stellte ich fest.
Ich habe es in einem Buch aus der Menschenwelt gelesen“, erklärte er.
Ich habe es in einem Buch aus der Menschenwelt gelesen“, erklärte er.
„Und
du bist kein Mensch? Veralbern kann ich mich selber!“ Ich schob ihn
verärgert von mir und wollte gehen, als plötzlich ein Mann auf uns
zu kam. Er hatte die gleichen schwarzen Haare wie Germeon, nur etwas
länger und seine Haut war auch hell, fast wie Elfenbein. Er war
älter als Germeon, aber trotzdem übertraf er ihn an Schönheit. Er
musterte mich von oben nach unten mit seinen stahlblauen Augen. Doch
ich meinte einen dunklen Schimmer in den Augen zu sehen. Der Blick
ließ mich unwillkürlich an das Mädchen denken, welches Germeon
suchte. Der Mann sah sehr stolz, fast arrogant aus. Er trug eine enge
schwarze Hose aus Leder und ein weißes, enganliegendes Hemd. Um
seinen Schultern hatte er einen langen, bordeauxroten Umhang und um
den Hals hatte er mehrere Goldketten und eine schwere goldene Kette
mit einem Wappen zierte seine Brust. An seinem Gürtel war ein
goldener Stab befestigt. Seine Finger zierten mehrere goldene Ringe
mit Edelsteine.. Würde dieser Typ mir sagen, er käme aus einer
anderen Welt, würde ich es fast glauben. Germeon, der versucht hatte
mich aufzuhalten, ließ mich sofort los. Hatte er etwa Angst vor
diesem Mann?
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