Dienstag, 29. Januar 2019

Germeon Fantasyroman aus der Reihe LUX






 Germeon



„Teilst du hier schon länger Zeitungen aus?“ Henriette fuhr erschrocken zusammen. Sie hatte den jungen Mann nicht gesehen, der sie angesprochen hatte und nun aus der dunklen Hausecke auf sie zu kam.
„Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken!“, sagte er. Das Licht der Hauslaterne fiel auf sein Gesicht. Es kam mir sehr blass vor, aber vielleicht lag es an der schlechten Beleuchtung. Sein Haar reichte bis über die Schultern und triefte nur so vor Nässe. Er stellte sich zu mir unter die Haustürüberdachung und der Regen prasselte nur so vom Himmel.
„Blödes Wetter!“, fand ich nach dem Schreck meine Stimme wieder.
„Ja, echt blöd!“, antwortete er. Seine Kleidung war durchnässt und aus seinen Turnschuhen lief das Wasser. Er musste wohl schon mehrere Schauer mitbekommen haben.
„Du holst dir noch eine starke Erkältung, wenn du noch lange in den nassen Klamotten herum läufst!“, stellte ich fest.
„Ja, kann sein“, meinte er. Gesprächig schien er nicht zu sein. Aber warum auch, wir kannten uns ja nicht und warteten nur darauf, dass der Regen nachließ.
„Wohnst du hier in der Nähe?“, fragte ich, weil mir die Stille mit diesem Fremden unheimlich vorkam. Er bemerkte meinen Blick auf die Schelle des Hauses. Sollte er mich belästigen, würde ich versuchen darauf zu drücken. Er hatte meine Gedanken erraten und meinte: „Keine Angst, ich tu dir nichts!“
„Es regnet nur noch etwas, ich muss weiter!“, bemerkte ich.
„Hast du keine Angst, alleine in der Nacht?“, wollte er wissen.
„Ich bin für meine Freundin eingesprungen. Eigentlich ist das nicht mein Ding, nachts herum zu laufen,“ entgegnete ich.
„Ich komme ein Stück mit, wenn du nichts dagegen hast?“, fragte er.
„Meinet wegen, aber viele Zeitungen habe ich nicht mehr“, teilte ich ihm mit. Wir gingen gemeinsam die Häuser der Straße ab und warfen die Zeitungen ein.
„So, das war es“, sagte ich und steckte die letzte Zeitung in einen Briefkasten. Als wir das Grundstück verließen, lief uns eine Katze über den Weg. Der junge Mann fauchte das Tier an und die Katze lief miauend davon.
„Magst du keine Katzen?“, fragte ich.
„Nein, aber sie mögen mich auch nicht!“, antwortete er und lächelte.
„Hier habe ich mein Rad stehen. Ich würde an deiner Stelle schnell nach hause gehen, so nass wie du bist. Wie lange läufst du heute schon durch den Regen?“, wollte ich wissen.
„Zu lange!“, meinte er.
„Also, danke für die Begleitung, ich muss jetzt fahren.“, verabschiedete ich mich.
„Okay!“, sagte er. Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr nach hause. Ich wohnte am nördlichen Stadtrand von Osnabrück. Es war schon ein bisschen gruselig, in der Dunkelheit alleine durch die Gegend zu fahren und ich war echt froh, als ich zu hause an kam, zumal es wieder zu Regnen angefangen hatte und ich doch noch ziemlich nass geworden war. Ich zog mir meine feuchten Klamotten aus und schlüpfte in meinen Schlafanzug. Ich schaute auf meine Uhr. Es war halb sechs. Es lohnte sich noch zu schlafen, obwohl ich gar nicht müde war. Ich schaute aus dem Fenster dem Regen zu. Gut, dass ich nicht mehr unter Wegs war, denn es goss inzwischen heftig. Blitze erhellten unseren Vorgarten und kurz danach donnerte es furchteinflößend. Einmal krachte es sehr heftig, es hatte bestimmt irgendwo eingeschlagen. Ich hasste Gewitter, erst recht, wenn ich alleine war. Meine Eltern waren im Urlaub und im oberen Stockwerk wohnten zwei Studenten, die mir jetzt aber auch nicht helfen konnten. Ich konnte ja schlecht so früh schellen und sagen, ich wollte beim Gewitter nicht alleine sein. Also beschloss ich, mich doch in mein Bett zu verkriechen, als mein Blick auf eine Gestalt vor unserem Haus fiel. Ein Blitz erhellte kurz die Person und ich erkannte den jungen Mann von eben. Woher wusste er, wo ich wohnte? Wie ist er so schnell hier her gekommen. Busse fuhren noch nicht. Ich zog mir meinen Kapuzenpulli über und lief zur Haustür. Ich schaute durch die kleinen Scheiben und überlegte noch, ob ich öffnen sollte. Wer weiß, was der Mann wollte. Obwohl ich kein Licht angemacht hatte, drehte er sich plötzlich um und schaute zu mir her. Ich schloss die Tür auf und winkte ihm zu, er sollte reinkommen. Es folgten inzwischen Blitze und Donner sehr schnell aufeinander.
„Du bist ja fast aufgeweicht“, stellte ich fest.
„Sau Wetter!“, meinte der Typ. Ich führte ihn zum Badezimmer und drückte ihm einige Handtücher in die Hand. „Ich werde mal schauen, ob ich etwas zum Anziehen finde“, sagte ich und verschwand in dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich suchte im Schrank meines Vaters etwas Passendes. Ein Anzug kam wohl nicht in frage. Ich entschied mich für seine schwarze Jogginghose, einen Rollkrangenpulli, Socken und Unterwäsche. Gut, dass mein Vater schlang war und die Größe passte auch ungefähr. Ich ging zum Bad und klopfte an.
„Ich habe trockene Kleidung für dich.“
„Du kannst hereinkommen!“, antwortete er mir. Ich machte langsam die Tür auf. Der junge Mann hatte geduscht und stand nun nur mit einem Badetuch um die Hüften gewickelt vor mir. Er war sehr muskulös, hatte aber kein Gramm zu viel auf den Rippen. Ich legte die Kleidung auf einen Hocker.
„Der Föhn liegt im oberen Schrankfach“, sagte ich und verließ das Bad wieder, aber nicht ohne ihn noch einmal von oben bis unten zu mustern. Er sah verdammt gut aus. Nur seine Haut war sehr hell.

Ich zündete einige Kerzen an und machte eine Flasche Rotwein auf. Irgendwo musste meine Mutter doch Glühweingewürze haben! Ich suchte im Küchenschrank. „Ach, die kleine Dose“, fiel es mir wieder ein. Ich öffnete sie und mir kam ein Duft nach Nelken und Lorbeer entgegen. Ich füllte etwas von den Gewürzen in einen Teefilter und hing ihn in einen Topf, goss von dem Rotwein dazu und erhitzte ihn. Ich suchte im Schrank nach etwas essbarem. Viel war nicht da, weil ich keine Lust zum Einkaufen hatte und zur Zeit immer in die Stadt fuhr, um dort zu essen. Aber ich fand ein paar Kekse und Nüsse und stellte sie auf den Tisch.

Fortsetzung folgt...





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