Germeon
„Teilst du hier
schon länger Zeitungen aus?“ Henriette fuhr erschrocken zusammen.
Sie hatte den jungen Mann nicht gesehen, der sie angesprochen hatte
und nun aus der dunklen Hausecke auf sie zu kam.
„Entschuldigung,
ich wollte dich nicht erschrecken!“, sagte er. Das Licht der
Hauslaterne fiel auf sein Gesicht. Es kam mir sehr blass vor, aber
vielleicht lag es an der schlechten Beleuchtung. Sein Haar reichte
bis über die Schultern und triefte nur so vor Nässe. Er stellte
sich zu mir unter die Haustürüberdachung und der Regen prasselte
nur so vom Himmel.
„Blödes Wetter!“, fand ich nach dem Schreck meine Stimme wieder.
„Ja, echt blöd!“,
antwortete er. Seine Kleidung war durchnässt und aus seinen
Turnschuhen lief das Wasser. Er musste wohl schon mehrere Schauer
mitbekommen haben.
„Du holst dir noch
eine starke Erkältung, wenn du noch lange in den nassen Klamotten
herum läufst!“, stellte ich fest.
„Ja, kann sein“,
meinte er. Gesprächig schien er nicht zu sein. Aber warum auch, wir
kannten uns ja nicht und warteten nur darauf, dass der Regen
nachließ.
„Wohnst du hier in
der Nähe?“, fragte ich, weil mir die Stille mit diesem Fremden
unheimlich vorkam. Er bemerkte meinen Blick auf die Schelle des
Hauses. Sollte er mich belästigen, würde ich versuchen darauf zu
drücken. Er hatte meine Gedanken erraten und meinte: „Keine Angst,
ich tu dir nichts!“
„Es
regnet nur noch etwas, ich muss weiter!“, bemerkte ich.
„Hast
du keine Angst, alleine in der Nacht?“, wollte er wissen.
„Ich
bin für meine Freundin eingesprungen. Eigentlich ist das nicht mein
Ding, nachts herum zu laufen,“ entgegnete ich.
„Ich
komme ein Stück mit, wenn du nichts dagegen hast?“, fragte er.
„Meinet
wegen, aber viele Zeitungen habe ich nicht mehr“, teilte ich ihm
mit. Wir gingen gemeinsam die Häuser der Straße ab und warfen die
Zeitungen ein.
„So,
das war es“, sagte ich und steckte die letzte Zeitung in einen
Briefkasten. Als wir das Grundstück verließen, lief uns eine Katze
über den Weg. Der junge Mann fauchte das Tier an und die Katze lief
miauend davon.
„Magst
du keine Katzen?“, fragte ich.
„Nein,
aber sie mögen mich auch nicht!“, antwortete er und lächelte.
„Hier
habe ich mein Rad stehen. Ich würde an deiner Stelle schnell nach
hause gehen, so nass wie du bist. Wie lange läufst du heute schon
durch den Regen?“, wollte ich wissen.
„Zu
lange!“, meinte er.
„Also,
danke für die Begleitung, ich muss jetzt fahren.“, verabschiedete
ich mich.
„Okay!“,
sagte er. Ich schwang mich auf mein Rad und fuhr nach hause. Ich
wohnte am nördlichen Stadtrand von Osnabrück. Es war schon ein
bisschen gruselig, in der Dunkelheit alleine durch die Gegend zu
fahren und ich war echt froh, als ich zu hause an kam, zumal es
wieder zu Regnen angefangen hatte und ich doch noch ziemlich nass
geworden war. Ich zog mir meine feuchten Klamotten aus und schlüpfte
in meinen Schlafanzug. Ich schaute auf meine Uhr. Es war halb sechs.
Es lohnte sich noch zu schlafen, obwohl ich gar nicht müde war. Ich
schaute aus dem Fenster dem Regen zu. Gut, dass ich nicht mehr unter
Wegs war, denn es goss inzwischen heftig. Blitze erhellten unseren
Vorgarten und kurz danach donnerte es furchteinflößend. Einmal
krachte es sehr heftig, es hatte bestimmt irgendwo eingeschlagen. Ich
hasste Gewitter, erst recht, wenn ich alleine war. Meine Eltern waren
im Urlaub und im oberen Stockwerk wohnten zwei Studenten, die mir
jetzt aber auch nicht helfen konnten. Ich konnte ja schlecht so früh
schellen und sagen, ich wollte beim Gewitter nicht alleine sein. Also
beschloss ich, mich doch in mein Bett zu verkriechen, als mein Blick
auf eine Gestalt vor unserem Haus fiel. Ein Blitz erhellte kurz die
Person und ich erkannte den jungen Mann von eben. Woher wusste er, wo
ich wohnte? Wie ist er so schnell hier her gekommen. Busse fuhren
noch nicht. Ich zog mir meinen Kapuzenpulli über und lief zur
Haustür. Ich schaute durch die kleinen Scheiben und überlegte noch,
ob ich öffnen sollte. Wer weiß, was der Mann wollte. Obwohl ich
kein Licht angemacht hatte, drehte er sich plötzlich um und schaute
zu mir her. Ich schloss die Tür auf und winkte ihm zu, er sollte
reinkommen. Es folgten inzwischen Blitze und Donner sehr schnell
aufeinander.
„Du
bist ja fast aufgeweicht“, stellte ich fest.
„Sau
Wetter!“, meinte der Typ. Ich führte ihn zum Badezimmer und
drückte ihm einige Handtücher in die Hand. „Ich werde mal
schauen, ob ich etwas zum Anziehen finde“, sagte ich und verschwand
in dem Schlafzimmer meiner Eltern. Ich suchte im Schrank meines
Vaters etwas Passendes. Ein Anzug kam wohl nicht in frage. Ich
entschied mich für seine schwarze Jogginghose, einen
Rollkrangenpulli, Socken und Unterwäsche. Gut, dass mein Vater
schlang war und die Größe passte auch ungefähr. Ich ging zum Bad
und klopfte an.
„Ich
habe trockene Kleidung für dich.“
„Du
kannst hereinkommen!“, antwortete er mir. Ich machte langsam die
Tür auf. Der junge Mann hatte geduscht und stand nun nur mit einem
Badetuch um die Hüften gewickelt vor mir. Er war sehr muskulös,
hatte aber kein Gramm zu viel auf den Rippen. Ich legte die Kleidung
auf einen Hocker.
„Der
Föhn liegt im oberen Schrankfach“, sagte ich und verließ das Bad
wieder, aber nicht ohne ihn noch einmal von oben bis unten zu
mustern. Er sah verdammt gut aus. Nur seine Haut war sehr hell.
Ich
zündete einige Kerzen an und machte eine Flasche Rotwein auf.
Irgendwo musste meine Mutter doch Glühweingewürze haben! Ich suchte
im Küchenschrank. „Ach, die kleine Dose“, fiel es mir wieder
ein. Ich öffnete sie und mir kam ein Duft nach Nelken und Lorbeer
entgegen. Ich füllte etwas von den Gewürzen in einen Teefilter und
hing ihn in einen Topf, goss von dem Rotwein dazu und erhitzte ihn.
Ich suchte im Schrank nach etwas essbarem. Viel war nicht da, weil
ich keine Lust zum Einkaufen hatte und zur Zeit immer in die Stadt
fuhr, um dort zu essen. Aber ich fand ein paar Kekse und Nüsse und
stellte sie auf den Tisch.
Fortsetzung folgt...
Copyright by Helga Pikulik
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