Gehasster Liebling
„Lass
mich doch wenigstens mit dir gehen. Meinen Eltern fällt es sowie so
nicht auf, ob ich zu hause bin oder nicht, und unser Kindermädchen
ist ja mit dem Briefträger beschäftigt“, bettelte Eva Maria. Fast
wäre ich schwach geworden, denn Eva Maria war wie eine Schwester für
mich.
„Gehe
bitte nicht mit, ich werde dich vermissen!“, meldete sich plötzlich
Daniel zu Wort.
„Ich
glaube dein Traum wird gerade wahr“, flüsterte ich meiner
Freundin zu.
"Passt
gut auf euch auf, bis bald ihr Lieben." Ich sagte einen Spruch, und
schon war ich verschwunden. Ich glaubte ein paar Tränen in Toms
Augen gesehen zu haben. Er liebt mich also wirklich, und nicht Eva
Maria, wie ich mir eingebildet hatte. Ich tauchte im Schlangenland
dort wieder auf, wo ich mich aus dem Staub gemacht hatte. Es war
natürlich niemand mehr da, außer ein riesiger Vogel oder so etwas
ähnliches. Das Tier hatte wenigstens Flügel. Mit drei langen
Hälsen und den drei Köpfen machte es einen unheimlichen Eindruck.
Doch das Wesen konnte Lächeln und es kam auf mich zu. Und es konnte
sprechen. Es beherrschte die Schlangensprache.
„Bist
du doch zurück gekommen?“, fragte es. „Ich habe es gleich
gesagt. Die anderen wollten es mir nicht glauben. Sie sind traurig
ins Tal zurück gekehrt."
„Und
du hast auf mich gewartet?“, staunte ich, „ist ja toll! Wer oder
was bist du?“
„Ich
bin ein weißer Adler!“, antwortete er mir.
„Du
bist doch kein Adler!“, ich musste lachen.
„Wir
wollen aber gerne Adler sein!“, erwiderte er. Vor sehr langer Zeit,
brachte jemand aus der Menschenwelt einen Adler mit. Wir fanden
diesen Vogel so toll, dass wir uns seit dem Weiße Adler nennen. Der
richtige Adler hatte nichts dagegen. Er wurde ein guter Freund von
uns und von uns verehrt!“
„Aber
in Wirklichkeit seit ihr die Sonnenvögel, nicht wahr?“, stellte
ich fest.
„Spielverderber!“,
meinte der Vogel.
„Kann
ich nichts für, das Wissen habe ich geerbt, es dauert im Moment noch etwas länger, bis es mir einfällt, was ich wissen will, aber
jetzt weiß ich alles über euch Vögel. Zum Beispiel, dass ihr ganz
liebenswerte, schöne und intelligente Tiere seid.“
„Oh,
welch ein Kompliment, das geht ja runter wie Öl“, sagte der Vogel
stolz, und fing an sein Gefieder zu putzen.
„Du
bist schön genug, sage mir lieber, ob du mich ins Tal bringst?“,
fragte ich.
„Klar,
darum harrte ich ja hier aus, bis du kamst! Oder willst du dich
lieber hinzaubern?“, antwortete der Vogel.
„Nein,
so angenehm ist das auch nicht, man wird ganz schön durchgerüttelt.
Davon habe ich erstmal die Nase voll“, erwiderte ich.
„Gut,
dann steig auf und halte dich an meinem Gefieder gut fest.“ Der
Vogel ging in die Knie so dass ich aufsteigen konnte.
„Du
hast aber ein schönes weiches Gefieder, hätte ich nicht gedacht“,
stellte ich fest. „Es kann los gehen!“
„Hoffentlich
bist du schwindelfrei!“, meinte der Vogel und erhob sich mit einer
Leichtigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hatte, mit seinen riesigen
Schwingen in die Lüfte.
„Fantastisch!“,
rief ich. „Was ist das eine tolle Landschaft.“
Das
Tal war umgeben von zerklüfteten steilen Bergen. Ein kleiner Fluss schlängelte
sich durch grüne Ebenen und hügelige Landschaften, um dann in einen
See einzutauchen, der mit seiner blaugrünen Farbe an der Schönheit
des Tales einen großen Beitrag leistete. Immerwieder erstreckten
sich blühende Felder und wunderschöne Wälder mit herrlichen
Baumkronen am Rande des Tales bis zur Hälfte der Berge empor.
Unzählige Höhleneingänge waren zu erkennen und mir fiel ein, dass
Naro erzählte, dass die Schlangenmenschen in den Wäldern und in
Höhlen wohnten. Plötzlich flog der Vogel auf einen Felsvorsprung zu
und landete dort. Was wollen wir hier?“, fragte ich erstaunt.
„Ich
wollte dir meine Familie vorstellen!“, antwortete er. Ich war paff,
aber dem Vogel schien es wichtig zu sein und ich hielt mich mit meinem Kommentar lieber zurück.
„In
einer Wölbung im Berg befand sich ein riesiges Nest. Dort saßen
vier junge Vögel, die jeweils ihre Köpfe neugierig hervorstreckten
und mich mit ihren Kulleraugen anschauten. Sofort landete neben uns
ein Vogel, welcher noch größer war, als der auf dem ich saß. Sein
Gefieder schimmerte in leuchtenden bunten Farben und sein Kopf zierte
eine buschige weiße Feder. Er hatte nur einen Kopf.
„Das
ist meine Frau, sie ist eigentlich dein Vogel, aber da sie gerade
Junge zu versorgen hat, bin ich eingesprungen. Der Bunte Vogel
begrüßte mich, indem er seinen Kopf ehrfürchtig herunterbeugte. Und
einige Töne von sich gab, die fast wie Musik klangen.
„Kann
er auch sprechen?“, fragte ich.
„Nein,
nur die männlichen Vögel besitzen diese Gabe. Aber sie verstehen
die Sprache der Schlangenmenschen“, entgegnete der weiße Vogel.
„Und
warum hat deine Frau nur einen Kopf?“, wollte ich wissen.
„Ich
habe das Gefühl, als wenn du doch nicht alles von uns weißt“,
lachte der Vogel.
„Zum
Beispiel, dass du Lachen kannst“, stellte ich fest.
„Die
weiblichen Vögel transportieren die Schlangenmenschen. Dafür ist
ein Kopf besser. Wir männlichen Vögel sind Kämpfer, wenn es zum
Krieg kommt. So haben sich im Laufe der Jahrhunderten die drei Köpfe
entwickelt. Es gibt neben uns noch größere Vögel, teilweise mit
fünf Köpfen. Sie sehen sehr gefährlich aus, das sind sie
auch,
aber euch Schlangenmenschen gegenüber sind sie wie Schmusekatzen.
Diese großen Vögel werden nur von den erfahrensten Kriegern
geflogen. Übrigens hast du außer meiner Frau auch so einen Vogel,
der dir unterstellt ist. Es ist wohl das schönste Tier von der
Sorte, welches wir haben. Du wirst begeistert sein. Ich bin auch einer
deiner persönlichen Kampfvögel.“
„Deine
Kinder sind hübsch, aber alles Jungen!“, sagte ich.
„Meine
Frau hätte gerne ein Mädchen gehabt, aber die werden selten
geboren. Vielleicht das nächste Mal. Jetzt müssen wir aber weiter
fliegen!“, entgegnete der Vogel.
„Ja,
würde ich auch sagen, aber es war schön, deine Familie kennen
gelernt zu haben. Hast du eigentlich einen Namen?“, fragte ich.
„Nein,
unser Besitzer gibt uns einen“, antwortete der Vogel.
„Dann
nenne ich dich Kiri, gefällt dir der Name?“
„Ja,
finde ich schön“, meinte er.
„Dann
fliege mich jetzt bitte direkt ins Tal. Ich möchte Larox oder Naro treffen!“
Fortsetzung
folgt...
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Helga Pikulik





















