Mittwoch, 26. Februar 2014

18. Fortsetzung: Gehasster Liebling


                          Gehasster Liebling

„Lass mich doch wenigstens mit dir gehen. Meinen Eltern fällt es sowie so nicht auf, ob ich zu hause bin oder nicht, und unser Kindermädchen ist ja mit dem Briefträger beschäftigt“, bettelte Eva Maria. Fast wäre ich schwach geworden, denn Eva Maria war wie eine Schwester für mich.
„Gehe bitte nicht mit, ich werde dich vermissen!“, meldete sich plötzlich Daniel zu Wort.
„Ich glaube dein Traum wird gerade wahr“, flüsterte ich meiner Freundin zu.
"Passt gut auf euch auf, bis bald ihr Lieben." Ich sagte einen Spruch, und schon war ich verschwunden. Ich glaubte ein paar Tränen in Toms Augen gesehen zu haben. Er liebt mich also wirklich, und nicht Eva Maria, wie ich mir eingebildet hatte. Ich tauchte im Schlangenland dort wieder auf, wo ich mich aus dem Staub gemacht hatte. Es war natürlich niemand mehr da, außer ein riesiger Vogel oder so etwas ähnliches. Das Tier hatte wenigstens Flügel. Mit drei langen Hälsen und den drei Köpfen machte es einen unheimlichen Eindruck. Doch das Wesen konnte Lächeln und es kam auf mich zu. Und es konnte sprechen. Es beherrschte die Schlangensprache.
„Bist du doch zurück gekommen?“, fragte es. „Ich habe es gleich gesagt. Die anderen wollten es mir nicht glauben. Sie sind traurig ins Tal zurück gekehrt."
„Und du hast auf mich gewartet?“, staunte ich, „ist ja toll! Wer oder was bist du?“
„Ich bin ein weißer Adler!“, antwortete er mir.
„Du bist doch kein Adler!“, ich musste lachen.
„Wir wollen aber gerne Adler sein!“, erwiderte er. Vor sehr langer Zeit, brachte jemand aus der Menschenwelt einen Adler mit. Wir fanden diesen Vogel so toll, dass wir uns seit dem Weiße Adler nennen. Der richtige Adler hatte nichts dagegen. Er wurde ein guter Freund von uns und von uns verehrt!“
„Aber in Wirklichkeit seit ihr die Sonnenvögel, nicht wahr?“, stellte ich fest.
„Spielverderber!“, meinte der Vogel.
„Kann ich nichts für, das Wissen habe ich geerbt, es dauert im Moment noch etwas länger, bis es mir einfällt, was ich wissen will, aber jetzt weiß ich alles über euch Vögel. Zum Beispiel, dass ihr ganz liebenswerte, schöne und intelligente Tiere seid.“
„Oh, welch ein Kompliment, das geht ja runter wie Öl“, sagte der Vogel stolz, und fing an sein Gefieder zu putzen.
„Du bist schön genug, sage mir lieber, ob du mich ins Tal bringst?“, fragte ich.
„Klar, darum harrte ich ja hier aus, bis du kamst! Oder willst du dich lieber hinzaubern?“, antwortete der Vogel.
„Nein, so angenehm ist das auch nicht, man wird ganz schön durchgerüttelt. Davon habe ich erstmal die Nase voll“, erwiderte ich.
„Gut, dann steig auf und halte dich an meinem Gefieder gut fest.“ Der Vogel ging in die Knie so dass ich aufsteigen konnte.
„Du hast aber ein schönes weiches Gefieder, hätte ich nicht gedacht“, stellte ich fest. „Es kann los gehen!“
„Hoffentlich bist du schwindelfrei!“, meinte der Vogel und erhob sich mit einer Leichtigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hatte, mit seinen riesigen Schwingen in die Lüfte.
„Fantastisch!“, rief ich. „Was ist das eine tolle Landschaft.“
Das Tal war umgeben von zerklüfteten steilen  Bergen. Ein kleiner Fluss schlängelte sich durch grüne Ebenen und hügelige Landschaften, um dann in einen See einzutauchen, der mit seiner blaugrünen Farbe an der Schönheit des Tales einen großen Beitrag leistete. Immerwieder erstreckten sich blühende Felder und wunderschöne Wälder mit herrlichen Baumkronen am Rande des Tales bis zur Hälfte der Berge empor. Unzählige Höhleneingänge waren zu erkennen und mir fiel ein, dass Naro erzählte, dass die Schlangenmenschen in den Wäldern und in Höhlen wohnten. Plötzlich flog der Vogel auf einen Felsvorsprung zu und landete dort. Was wollen wir hier?“, fragte ich erstaunt.
„Ich wollte dir meine Familie vorstellen!“, antwortete er. Ich war paff, aber dem Vogel schien es wichtig zu sein und ich hielt mich mit meinem Kommentar lieber zurück.
„In einer Wölbung im Berg befand sich ein riesiges Nest. Dort saßen vier junge Vögel, die jeweils ihre Köpfe neugierig hervorstreckten und mich mit ihren Kulleraugen anschauten. Sofort landete neben uns ein Vogel, welcher noch größer war, als der auf dem ich saß. Sein Gefieder schimmerte in leuchtenden bunten Farben und sein Kopf zierte eine buschige weiße Feder. Er hatte nur einen Kopf.
„Das ist meine Frau, sie ist eigentlich dein Vogel, aber da sie gerade Junge zu versorgen hat, bin ich eingesprungen. Der Bunte Vogel begrüßte mich, indem er seinen Kopf ehrfürchtig herunterbeugte. Und einige Töne von sich gab, die fast wie Musik klangen.
„Kann er auch sprechen?“, fragte ich.
„Nein, nur die männlichen Vögel besitzen diese Gabe. Aber sie verstehen die Sprache der Schlangenmenschen“, entgegnete der weiße Vogel.
„Und warum hat deine Frau nur einen Kopf?“, wollte ich wissen.
„Ich habe das Gefühl, als wenn du doch nicht alles von uns weißt“, lachte der Vogel.
„Zum Beispiel, dass du Lachen kannst“, stellte ich fest.
„Die weiblichen Vögel transportieren die Schlangenmenschen. Dafür ist ein Kopf besser. Wir männlichen Vögel sind Kämpfer, wenn es zum Krieg kommt. So haben sich im Laufe der Jahrhunderten die drei Köpfe entwickelt. Es gibt neben uns noch größere Vögel, teilweise mit fünf Köpfen. Sie sehen sehr gefährlich aus, das sind sie
auch, aber euch Schlangenmenschen gegenüber sind sie wie Schmusekatzen. Diese großen Vögel werden nur von den erfahrensten Kriegern geflogen. Übrigens hast du außer meiner Frau auch so einen Vogel, der dir unterstellt ist. Es ist wohl das schönste Tier von der Sorte, welches wir haben. Du wirst begeistert sein. Ich bin auch einer deiner persönlichen Kampfvögel.“
„Deine Kinder sind hübsch, aber alles Jungen!“, sagte ich.
„Meine Frau hätte gerne ein Mädchen gehabt, aber die werden selten geboren. Vielleicht das nächste Mal. Jetzt müssen wir aber weiter fliegen!“, entgegnete der Vogel.
„Ja, würde ich auch sagen, aber es war schön, deine Familie kennen gelernt zu haben. Hast du eigentlich einen Namen?“, fragte ich.
„Nein, unser Besitzer gibt uns einen“, antwortete der Vogel.
„Dann nenne ich dich Kiri, gefällt dir der Name?“
„Ja, finde ich schön“, meinte er.
„Dann fliege mich jetzt bitte direkt ins Tal. Ich möchte Larox oder Naro treffen!“


Fortsetzung folgt...




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