Gehasster Liebling
„Wo
sind denn die Schlangenmenschen? Wohnen die hier im Wald? Wie sehen
die denn aus?“, fragte ich.
„Wir
wohnen auch in den Wäldern, wir haben aber richtige Wohnungen in den
Höhlen der Berge. Und so sehen wir aus!“, ertönte eine sanfte
Stimme hinter Manuela. Erschrocken schaute sie sich um. Zwischen den
Zweigen stand ein Mann.
Seine
Haut war gelb orange und etwas geschuppt. Seine Augen waren stechend,
aber dennoch hatte er einen sanften Blick. Er trug eine dunkelbraune
Lederhose und sein Oberteil war aus grüner Schlangenhaut.
„Hallo!“,
mehr brachte ich nicht hervor.
„Ich
heiße Naro. Du warst sehr krank. Wir haben um dein Leben gebangt. Um
so mehr sind wir glücklich, dass du es geschafft hast. Wir haben
Jahre lang auf dich gewartet, aber das hat dir die Schlange Sina
bereits erzählt. Fühlst du dich kräftig genug, mir zu den Bergen
zu folgen.
„Ja,
ich spüre, wie schnell mein Körper sich erholt“, antwortete ich.
Wir
liefen durch den Wald, der mit der Zeit immer lichter wurde. Ich war
begeistert von den verschiedenen Bäumen. Manche faszinierten durch
ihre farbigen Blüten, welche einen lieblichen Duft verströmten.
Andere beeindruckten durch ihre Größe, andere durch ihren markanten
Wuchs.
Der
Wald tauschte mit einer bewachsenen Ebene. Unbekannte Pflanzen und
Büsche säumten den Weg und erstreckten sich bis zum Gebirge. Ein
kleiner Bach plätscherte nicht weit von uns und seltsame Vögel
ließen sich in den hier und da stehenden Bäumen nieder. Wieder
kamen mir diese Bäume mit ihren knorrigen Ästen und weit
ausgestreckten Wurzeln unheimlich vor. Doch der Gesang der Vögel
lenkte ab und die verschiedenen Blumen waren wunderschön, nicht nur
die Blüten mit ihren süßen Düften, sondern auch die Blätter und
Stiele waren interessant geformt und in verschiedenen Farben von
dunklem Grün bis giftgrün und roten Farben. Mir unbekannte kleine
Tiere flogen von Blüte zu Blüte und eins setzte sich auf meinen
Arm. Sogleich kam ein etwas größeres Tier angeflogen und setzte
sich dicht neben das kleinere, als wollte es dieses beschützen. Als
ich genauer hinschaute, sah ich ein kleines Wesen, welches aussah wie
ein Mensch, nur klein und zarte, mit hauchdünnen Flügeln.
„Wir
sind Libellenelfen, hörte ich eine feine leise Stimme. Das ist meine
Tochter, sie ist immer so neugierig und dadurch sehr unvorsichtig“,
sagte die größere.
„Ich
werde euch nichts tun. Wir kommen aus der Welt der Menschen“,
antwortete ich.
„Vielleicht
sehen wir uns noch mal!“, rief die Elfe und flog mit ihrer Tochter
auf eine Blüte.
„In
dieser Gegend halten sich die meisten Libellenelfen auf“, hörten
wir plötzlich Naro sagen, der bis jetzt kein einziges Wort mehr
gesprochen hatte. „Die Elfen ernähren sich von dem Nektar der
Blumen und wie ihr seht, ist das Angebot groß.“
Naro
erzählte uns von einigen Pflanzen. Von ihrer Nützlichkeit oder von
denen die giftig sind. Er berichtete uns von den Tieren, welche wir
auf unserem Weg sahen. Vor manchen mussten wir in Deckung gehen, weil
Naro sie als gefährlich einstufte. Endlich hatten wir das Gebirge
erreicht. Naro blieb vor einer größeren Felsplatte stehen.
„Wir
sind da“, sagte er. „willst du versuchen, die Höhle zu öffnen?“,
wandte er sich an mich.
„Ich?“,
fragte ich ungläubig, „bin ich Goliath?“
„Du
hast deine Kräfte noch nicht erkannt. Deine Krankheit war nicht nur
die Erkältung, sondern seit dem du unsere Welt betreten hast, fingst
du an, dich zu verändern. Deine Magischen Kräfte werden sich
entwickeln und auch dein Körper wird sich verändern. Du konntest
die Schlangen verstehen und ihre Sprache sprechen. Aber diese Veränderung zerrte an deinen Kräften, da du aber schon geschwächt durch deine Erkältung warst, hättest du sterben können. Zum Glück informierten uns die Schlangen und wir konnten mit bestimmten Kräutern dir helfen.“
„Und
wenn ich das alles nicht will?“, fragte Manuela.
„Du
wirst es wollen, deine Zeit ist gekommen. Du bist die Erbin des
großen Magiers.
Du
hast seine Kräfte geerbt, dagegen kannst du nichts machen!“, sagte
Naro.
„Wieso
ändert mein Körper sich?“, wollte ich wissen.
„Dein
Körper wird sich so verändern, dass du zwar deine menschliche Form
und Aussehen behältst, aber du dich auch wie eine Schlange bewegen
kannst allerdings nicht so schnell. Deine Haut wird sich verfärben,
in welche Richtung kann man nicht voraus sagen. Deine Haut wird
schuppig werden. Deine Reaktionen werden blitzschnell wie die einer
Schlange sein“, erklärte Naro. „Nun versuche diese Felswand zu
öffnen, konzentriere dich darauf, und du wirst den Zauber wissen!“
Ich
dachte mir: „ Der spinnt doch mit seinem Felsen!“ Da aber alle
Augen gespannt auf mich gerichtet waren, stellte ich mich vor die
große Felsplatte und konzentrierte mich darauf, dass sie aufgehen
soll. Plötzlich sprach ich einige Zauberworte in der
Schlangensprache und ein Getöse folgte. Die Felsplatte verschob sich
wie von Geisterhand und ein Gang wurde sichtbar.
„Mein
Gott! Manuela, du kannst zaubern!“, stellte Eva Maria erstaunt
fest. Tom schaute mich sprachlos an und ich war wohl diejenige, die
am meisten überrascht war.
„Geht
doch!“, meinte Naro gelassen und ging in den Gang: „Folgt mir!“,
forderte er uns auf und zu mir gewandt sagte er: „Vergiss nicht den
Eingang zu schließen!“
Wie
von selbst sprach ich einen Spruch und die Felsenplatte schob sich
schwerfällig zurück an ihre ursprünglichen Stelle.
„Faszinierend!“,
meinte Tom.
Fortsetzung
folgt...
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Helga Pikulik