Allein, aber nicht vergessen
Oma Käthe lebte
jetzt schon vier Monate in dem Altenheim am Berg. Sie könnte nicht
mehr alleine in ihrer Wohnung leben, hatten ihre Kinder beschlossen.
Sie hatte sich geweigert, aus ihrer drei Zimmerwohnung auszuziehen.
Aber nach zwei Krankenhausaufenthalten hatte sie sich überzeugen
lassen, ihre Wohnung aufzugeben und in ein Altenheim zu gehen. Ihre
Enkelin war begeistert, denn sie hatte die Wohnung komplett
übernommen und war mit ihrem Verlobten sofort eingezogen. Oma Käthe
gönnte dem jungen Paar die Wohnung, doch hatte sie auch nach vier
Monaten immer noch Heimweh nach zu hause. Sie hatte im Heim zwar
viele Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen sie regelmäßig
Karten spielte oder sonstige Kreativität unternahm. Die Besuche
ihrer Kinder wurden immer seltener. Aber sie waren ja sonst auch
nicht oft gekommen. Sie waren alle berufstätig und Oma Käthe konnte
verstehen, dass sie am Wochenende auch nicht gerade Lust hatten, im
Altenheim zu sitzen.
„Wie meine Wohnung
jetzt wohl aussieht?“, fragte sie sich. „Ob die jungen Leute wohl
alles weggeschmissen hatten? Verstehen konnte man es ja.“ Sie hatte
nur wenige kleine Möbel mitgenommen. Und ihren alten Sessel, in dem
ihr verstorbener Mann gerne gesessen hatte. Sie blätterte die alten
Fotoalben durch und ihre Erinnerungen waren voll da. Sie beschloss,
ihrer Enkelin einen kleinen Brief zu schreiben. Sie hatte ja Zeit
genug.
Eva öffnete den
Briefkasten.
„Oh, wer schreibt
uns denn auf so schönem Briefpapier!“, staunte sie und nahm den
Brief mit in die Wohnung. Jochen, Oma hat geschrieben. Hoffentlich
ist nichts passiert.“ Eva öffnete den Brief und las ihn Jochen
vor. Oma Käthe hatte allgemein über ihren Alltag im Altenheim
berichtet und wünschte dem Paar alles Gute und fragte, ob ihnen die
Wohnung gefallen würde. Als Eva den Brief wieder in den Umschlag
stecken wollte, fiel ein getrocknetes Vergissmeinnicht heraus. Sie
nahm es in die Hand und es weckte Erinnerungen, wie oft sie als Kind
bei den Großeltern gewesen war und wie schön sie es immer fand. Sie
wurde total verwöhnt. Sie war das einzigste Enkelkind ihrer
Großeltern. Wenn sie Geburtstag hatte, bekam sie immer schöne
Geschenke und sie machten dann am Wochenende einen großen Ausflug
mit ihr. Als sie älter wurde, nahmen die Besuche bei den Großeltern
immer mehr ab. Man hatte Freunde, die Schule nahm viel Zeit in
Anspruch und der Sportverein wartete. Als sie achtzehn wurde, bekam
sie den Führerschein bezahlt und zum Abitur eine Reise geschenkt.
Und jetzt hatte sie die Wohnung, welche die Großeltern ihr schon vor
Jahren geschenkt hatten, unter der Bedingung, dass die Großeltern so
lange darin leben konnten, wie sie wollten.
Eva bekam ein ganz
schlechtes Gewissen.
„Du, Jochen, wir
haben Oma Käthe erst einmal besucht, seit dem sie im Heim wohnt.“
Sagte Eva.
„Dann lass uns
doch heute hingehen. Es ist Samstag“, erwiderte ihr Verlobter. "Sie
wird sich auch bestimmt freuen, wenn wir sie ab und zu hier in ihre
alte Wohnung holen."
„Ich würde mich
auch darüber freuen“, antwortete Eva.
Ende
Copyright2014 by Helga Pikulik
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