Sonntag, 15. Juni 2014

Allein, aber nicht vergessem (Kurzgeschichte)



                                             Allein, aber nicht vergessen

Oma Käthe lebte jetzt schon vier Monate in dem Altenheim am Berg. Sie könnte nicht mehr alleine in ihrer Wohnung leben, hatten ihre Kinder beschlossen. Sie hatte sich geweigert, aus ihrer drei Zimmerwohnung auszuziehen. Aber nach zwei Krankenhausaufenthalten hatte sie sich überzeugen lassen, ihre Wohnung aufzugeben und in ein Altenheim zu gehen. Ihre Enkelin war begeistert, denn sie hatte die Wohnung komplett übernommen und war mit ihrem Verlobten sofort eingezogen. Oma Käthe gönnte dem jungen Paar die Wohnung, doch hatte sie auch nach vier Monaten immer noch Heimweh nach zu hause. Sie hatte im Heim zwar viele Freundinnen und Freunde gefunden, mit denen sie regelmäßig Karten spielte oder sonstige Kreativität unternahm. Die Besuche ihrer Kinder wurden immer seltener. Aber sie waren ja sonst auch nicht oft gekommen. Sie waren alle berufstätig und Oma Käthe konnte verstehen, dass sie am Wochenende auch nicht gerade Lust hatten, im Altenheim zu sitzen.
„Wie meine Wohnung jetzt wohl aussieht?“, fragte sie sich. „Ob die jungen Leute wohl alles weggeschmissen hatten? Verstehen konnte man es ja.“ Sie hatte nur wenige kleine Möbel mitgenommen. Und ihren alten Sessel, in dem ihr verstorbener Mann gerne gesessen hatte. Sie blätterte die alten Fotoalben durch und ihre Erinnerungen waren voll da. Sie beschloss, ihrer Enkelin einen kleinen Brief zu schreiben. Sie hatte ja Zeit genug.
Eva öffnete den Briefkasten.
„Oh, wer schreibt uns denn auf so schönem Briefpapier!“, staunte sie und nahm den Brief mit in die Wohnung. Jochen, Oma hat geschrieben. Hoffentlich ist nichts passiert.“ Eva öffnete den Brief und las ihn Jochen vor. Oma Käthe hatte allgemein über ihren Alltag im Altenheim berichtet und wünschte dem Paar alles Gute und fragte, ob ihnen die Wohnung gefallen würde. Als Eva den Brief wieder in den Umschlag stecken wollte, fiel ein getrocknetes Vergissmeinnicht heraus. Sie nahm es in die Hand und es weckte Erinnerungen, wie oft sie als Kind bei den Großeltern gewesen war und wie schön sie es immer fand. Sie wurde total verwöhnt. Sie war das einzigste Enkelkind ihrer Großeltern. Wenn sie Geburtstag hatte, bekam sie immer schöne Geschenke und sie machten dann am Wochenende einen großen Ausflug mit ihr. Als sie älter wurde, nahmen die Besuche bei den Großeltern immer mehr ab. Man hatte Freunde, die Schule nahm viel Zeit in Anspruch und der Sportverein wartete. Als sie achtzehn wurde, bekam sie den Führerschein bezahlt und zum Abitur eine Reise geschenkt. Und jetzt hatte sie die Wohnung, welche die Großeltern ihr schon vor Jahren geschenkt hatten, unter der Bedingung, dass die Großeltern so lange darin leben konnten, wie sie wollten.
Eva bekam ein ganz schlechtes Gewissen.
„Du, Jochen, wir haben Oma Käthe erst einmal besucht, seit dem sie im Heim wohnt.“ Sagte Eva.
„Dann lass uns doch heute hingehen. Es ist Samstag“, erwiderte ihr Verlobter. "Sie wird sich auch bestimmt freuen, wenn wir sie ab und zu hier in ihre alte Wohnung holen."
„Ich würde mich auch darüber freuen“, antwortete Eva. 

Ende




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