Das Buch des Grauens
Schweißnass gebadet
wachte ich auf. Ich zitterte am ganzen Körper. Ängstlich starte ich
in die Dunkelheit, welche nur durch das matte Mondlicht durchbrochen
wurde. Gespenstisch fiel dieses Licht auf meine Tür und ließ
meine dort hängende Jacke und meine Mütze zum Fürchten aussehen.
Ich bildete mir ein, dass sie sich bewegten, aber vielleicht war es
so, denn ein leichter Wind wehte durch mein geöffnetes Fenster. Ich
liebte es , auch im Winter bei offenem Fenster zu schlafen. Das
härtete ab, war ich überzeugt.
„Ganz ruhig, es
war nur ein böser Traum!“, versuchte ich mir einzureden.
Ich hatte noch am
Abend lange mein neues Buch gelesen, ein richtiger Gruselroman. Ich
hatte das Buch oben auf dem Dachboden entdeckt, als ich für meine
Eltern den Weihnachtschmuck herunterholte. Es war in einer alten
Truhe, welche weit hinten auf dem Dachboden zwischen allerhand altem
Gerümpel stand. Ich packte die Weihnachtsachen und wollte runter
gehen, aber die Truhe zog mich magisch an.
„Hast du die
Sachen gefunden?“, hörte ich meine Mutter. Sie stieg die
Bodentreppe hinauf.
„Ja, ich habe
alles“, antwortete ich. Sie nahm mir einige Kästen ab und wir
stiegen hinunter.
„Was ist das für
altes Gerümpel hinten auf dem Boden?“, wollte ich wissen.
„Das stammt noch
von deiner Ururgroßtante Agnis. Du weißt ja, das Haus ist schon
sehr alt, dein Ururgroßvater hat es damals gekauft und seine
Schwester Agnis wohnte bei ihm. Sie soll eine unheimliche Frau
gewesen sein und eines Tages war sie auf nimmer Wiedersehen
verschwunden, so erzählt man im Dorf.“
„Ich gehe noch mal
hoch, vielleicht ist etwas Brauchbares dabei.“ Ich begab mich zur
Bodentreppe und stieg empor.
„Das
ist doch alles verstaubt. Schlepp nicht soviel herunter, ich kenne
deinen Sammeltick, den hast du von deinem Vater geerbt!“, rief
meine Mutter mir nach und ich hörte sie noch leise kichern. Auf dem
Boden kam mir ein leichter modriger Geruch entgegen, der mir vorher
nicht aufgefallen war. Ich ging auf das Gerümpel zu. Mich
interessierte im Moment nur die Truhe. Mutter hatte Recht, dicker
Staub bedeckte den Deckel. Ich nahm mein Taschentuch und wischte ihn
beiseite. Die Truhe war aus dunklem Holz gefertigt und mit seltsamen
goldenen Tieren und Wesen verziert. Ich versuchte den Deckel zu
öffnen, aber es gelang mir nicht, obwohl nirgendwo ein Schloss zu
sehen war.
„Lass
das Böse ruhen!“ Entsetzt drehte ich mich um. Wer hatte da
gesprochen? Es war niemand zu sehen. Ich zweifelt an meinen
Verstand, als plötzlich wie von Geisterhand ein Stab vor mir schwebte
und dann vor mit liegen blieb. Erschrocken wich ich zurück und
wollte so schnell wie möglich den Dachboden verlassen, aber etwas
hielt mich. Ich konnte es mir nicht erklären. Mein Herz klopfte, als
wollte es aus meiner Kehle springen. Ich glaubte bislang weder an
Gespenster oder andere außerirdische Wesen, aber diese Sache hier
auf dem Dachboden war nicht normal. Ich merkte, wie ich am ganzen
Körper zitterte.
„Nimm
den Zauberstab und öffnete die Truhe!“Entsetzt schrie ich auf.
Eine milchige durchsichtige Gestalt hielt mir den Stab entgegen.
„Alles
in Ordnung?“, rief meine Mutter die Treppe hoch. Sie hatte wohl
meinen Schrei gehört.
„Alles
Okay, nur eine Maus!“, antwortete ich.
„Pass
auf, dass sie dich nicht frisst“, meine Mutter musste lachen und
ich hörte sie wieder ins Wohnzimmer gehen. Die seltsame Gestalt war
verschwunden und der Stab lag wieder vor mir.
Mit
bebender Hand berührte ich den Stab, nichts geschah. Ich nahm ihn auf
und betrachtete ihn. Hauchdünne Zeichen und Buchstaben waren
eingraviert, aber ich konnte sie nicht lesen. Wie sollte ich damit
die Truhe öffnen. Mit Simsalabim wie im Märchen sicherlich nicht.
Mir viel wieder die Stimme ein. Lass das Böse ruhen, hatte sie
gesagt.
„Was
soll schon in einer Truhe Böses sein?“, fragte ich mich und meine
Neugier siegte schließlich. Ich nahm den Stab und kreiste damit über
den Deckel, führte ihn um die Truhe, doch sie blieb verschlossen.
„Doofes
Ding!“, motzte ich die Truhe an und haute mit dem Stab mehrmals
darauf. Knarrend öffnete sich der Deckel.
„Geht
doch!, sagte ich und schaute erwartungsvoll ins Innere der Holztruhe.
Ich konnte nichts Böses entdecken. Außer ein sehr altes, mit rotem
Samt eingefasstes Buch, war nichts in der Truhe.
„Welch
ein Spuk, nur um ein Buch!“, versuchte ich cool zu sein, doch mir
zitterten die Beine. Ich nahm das Buch an mich, klappte den Deckel zu,
falls doch etwas unsichtbares Böses in der Truhe wohnte. Ich griff
nach dem Zauberstab und verließ schnellstens den Dachboden. Schob
die Treppe hoch und schloss die Luke. Ich holte tief Luft.
„Ich
habe wieder alles zugemacht!“, rief ich meiner Mutter zu.
„Und,
hast du das halbe Gerümpel mit nach unten gebracht?“; fragte sie
scherzend.
„Nein,
nur ein altes Buch und einen Zauberstab!“, entgegnete ich.
„Mehr
nicht? Du bist doch nicht krank?“, nahm sie mich auf den Arm. Aber
mit einem Zauberstab kannst du dir ja das alte Kram noch
herunterzaubern, aber bitte nur in dein Zimmer hinein!“, alberte
sie herum, während ich meinen gefundenen Schatz in mein Zimmer trug.
So war meine Mutter, immer zum Scherzen aufgelegt. Ich versteckte den
Stab und das Buch in meinem Schrank. Ich wusste nicht warum, aber
irgend etwas sagte mir, dass dieser Schatz nur für mich persönlich
war. Ich ging ins Wohnzimmer und half, wie versprochen, den
Weihnachtsbaum zu schmücken. Ich hatte mich von meinem Erlebnis
erholt, dennoch musste ich immer an diese seltsame Gestalt denken und
an die Stimme davor: Lass das Böse ruhen. Was hatte das mit dem Buch
zu tun? Ich konnte es kaum abwarten, endlich in dem Buch zu lesen.
Abends
holte ich es aus dem Schrank und schlug es auf. Es hatte sehr dünne
Seiten und die Texte waren mit Tinte geschrieben. Hier und da waren
mit Tinte Skizzen zu den Abschnitten gemacht worden. Ich blätterte
das Buch grob durch und schlug dann wieder die erste Seite auf.
„Das
Buch des Grauens“, las ich leise. Mir lief ein kalter Schauer über
den Rücken. Sollte ich das Buch deshalb in der Truhe ruhen lassen?
Ich schlug das Buch zu, aber es öffnete sich sofort wieder und
die Seiten blätterten sich von selbst um und blieben irgendwo in der
Buchmitte geöffnet.
„Wir
haben dich auserkoren, mit uns die Welt zu beherrschen und das Böse
zu verbreiten. Übe dich in der schwarzen Magie und folge uns. Du
wirst zu Rum und Reichtum kommen und ein großer Herrscher sein.!“,
las ich auf der aufgeschlagenen Seite. Ich malte mir aus, was ich mir
dann alles leisten könnte. Auch zur Schule brauchte ich nicht mehr.
Meinen Eltern würde ich ein neues modernes Haus kaufen, damit sie
nicht mehr in diesem uralten Gemäuer wohnen mussten. Was ging ich
schon für ein Risiko ein, in der Welt gab es sowie so schon so viel
Böses, da kam es auf etwas mehr auch nicht mehr an. Plötzlich
wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, denn die Schranktür war
aufgeflogen und der Zauberstab kam direkt auf mich zu und legte sich
auf das Buch. Das hätte mich nicht weiter erschüttert, aber aus dem
Schrank kamen allerlei Gestalten. Ein Knochengerüst mit alten, vergammelten Stofffetzen und losem Gebiss streckte seine knochige Hand nach
mir aus. Eine andere Gestalt mit wirren Haaren und blutunterlaufenen
Augen kam auf mich zu. Geisterhafte durchsichtige Wesen flogen in
meinem Zimmer umher und aus dem Schrank krochen nun ekelige tierartige Lebewesen. Manche hielten in ihren Mäulern noch blutige
Fleischstücke oder Knochen. Ein Geruch nach Verwesung machte sich in
meinem Zimmer breit. Ich wollte schreien, aber meine Stimme versagte.
Stocksteif sass ich in meinem Bett und mochte mich nicht rühren. Der
fiese Typ mit den unterlaufenen Augen nahm den Zauberstab und tippte
in dem aufgeschlagenen Buch auf eine Skizze, welche wie ein Wappen
aussah. Ehe ich mich versah, berührte er mit dem Stab meinen
Unterarm. Ein brennender Schmerz durchfuhr meinen ganzen Körper und
ich fiel in eine tiefe Ohnmacht.
Ich
stand auf und trat ans offene Fenster und holte tief Luft. Es hatte
wieder geschneit. Mein Blick fiel auf den Schnee unter meinem
Fenster. Unzählige Spuren und Schleifspuren führten von meinem
Fenster zum nahe gelegenen Wald. Ein Schauer lief über meinen Rücken
und ich spürte wie mein Arm brannte. Und dann sah ich es mit
Entsetzen. Auf meinem Arm war das Zeichen aus dem Buch! „Es war
kein böser Traum, es war das Grauen persönlich am gestrigen Abend.
Als ich mich gefasst hatte, ging ich zum Schrank und öffnete ihn
vorsichtig. Wer weiß, was wieder herausspringen könnte. Aber nichts
geschah. Das Buch lag zugeschlagen auf seinem Platz und der Stab
darauf.
Fortsetzung folgt...
(c)
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