Montag, 24. Dezember 2018

Das Buch des Grauens Fantasygeschichte für Kinder ab ca 10 J.






Das Buch des Grauens

Schweißnass gebadet wachte ich auf. Ich zitterte am ganzen Körper. Ängstlich starte ich in die Dunkelheit, welche nur durch das matte Mondlicht durchbrochen wurde. Gespenstisch fiel dieses Licht auf meine Tür und ließ meine dort hängende Jacke und meine Mütze zum Fürchten aussehen. Ich bildete mir ein, dass sie sich bewegten, aber vielleicht war es so, denn ein leichter Wind wehte durch mein geöffnetes Fenster. Ich liebte es , auch im Winter bei offenem Fenster zu schlafen. Das härtete ab, war ich überzeugt.
„Ganz ruhig, es war nur ein böser Traum!“, versuchte ich mir einzureden.

Ich hatte noch am Abend lange mein neues Buch gelesen, ein richtiger Gruselroman. Ich hatte das Buch oben auf dem Dachboden entdeckt, als ich für meine Eltern den Weihnachtschmuck herunterholte. Es war in einer alten Truhe, welche weit hinten auf dem Dachboden zwischen allerhand altem Gerümpel stand. Ich packte die Weihnachtsachen und wollte runter gehen, aber die Truhe zog mich magisch an.
„Hast du die Sachen gefunden?“, hörte ich meine Mutter. Sie stieg die Bodentreppe hinauf.
„Ja, ich habe alles“, antwortete ich. Sie nahm mir einige Kästen ab und wir stiegen hinunter.
„Was ist das für altes Gerümpel hinten auf dem Boden?“, wollte ich wissen.
„Das stammt noch von deiner Ururgroßtante Agnis. Du weißt ja, das Haus ist schon sehr alt, dein Ururgroßvater hat es damals gekauft und seine Schwester Agnis wohnte bei ihm. Sie soll eine unheimliche Frau gewesen sein und eines Tages war sie auf nimmer Wiedersehen verschwunden, so erzählt man im Dorf.“
„Ich gehe noch mal hoch, vielleicht ist etwas Brauchbares dabei.“ Ich begab mich zur Bodentreppe und stieg empor.
„Das ist doch alles verstaubt. Schlepp nicht soviel herunter, ich kenne deinen Sammeltick, den hast du von deinem Vater geerbt!“, rief meine Mutter mir nach und ich hörte sie noch leise kichern. Auf dem Boden kam mir ein leichter modriger Geruch entgegen, der mir vorher nicht aufgefallen war. Ich ging auf das Gerümpel zu. Mich interessierte im Moment nur die Truhe. Mutter hatte Recht, dicker Staub bedeckte den Deckel. Ich nahm mein Taschentuch und wischte ihn beiseite. Die Truhe war aus dunklem Holz gefertigt und mit seltsamen goldenen Tieren und Wesen verziert. Ich versuchte den Deckel zu öffnen, aber es gelang mir nicht, obwohl nirgendwo ein Schloss zu sehen war.
„Lass das Böse ruhen!“ Entsetzt drehte ich mich um. Wer hatte da gesprochen? Es war niemand zu sehen. Ich zweifelt an meinen Verstand, als plötzlich wie von Geisterhand ein Stab vor mir schwebte und dann vor mit liegen blieb. Erschrocken wich ich zurück und wollte so schnell wie möglich den Dachboden verlassen, aber etwas hielt mich. Ich konnte es mir nicht erklären. Mein Herz klopfte, als wollte es aus meiner Kehle springen. Ich glaubte bislang weder an Gespenster oder andere außerirdische Wesen, aber diese Sache hier auf dem Dachboden war nicht normal. Ich merkte, wie ich am ganzen Körper zitterte.
„Nimm den Zauberstab und öffnete die Truhe!“Entsetzt schrie ich auf. Eine milchige durchsichtige Gestalt hielt mir den Stab entgegen.
„Alles in Ordnung?“, rief meine Mutter die Treppe hoch. Sie hatte wohl meinen Schrei gehört.
„Alles Okay, nur eine Maus!“, antwortete ich.
„Pass auf, dass sie dich nicht frisst“, meine Mutter musste lachen und ich hörte sie wieder ins Wohnzimmer gehen. Die seltsame Gestalt war verschwunden und der Stab lag wieder vor mir.
Mit bebender Hand berührte ich den Stab, nichts geschah. Ich nahm ihn auf und betrachtete ihn. Hauchdünne Zeichen und Buchstaben waren eingraviert, aber ich konnte sie nicht lesen. Wie sollte ich damit die Truhe öffnen. Mit Simsalabim wie im Märchen sicherlich nicht. Mir viel wieder die Stimme ein. Lass das Böse ruhen, hatte sie gesagt.
„Was soll schon in einer Truhe Böses sein?“, fragte ich mich und meine Neugier siegte schließlich. Ich nahm den Stab und kreiste damit über den Deckel, führte ihn um die Truhe, doch sie blieb verschlossen.
„Doofes Ding!“, motzte ich die Truhe an und haute mit dem Stab mehrmals darauf. Knarrend öffnete sich der Deckel.
„Geht doch!, sagte ich und schaute erwartungsvoll ins Innere der Holztruhe. Ich konnte nichts Böses entdecken. Außer ein sehr altes, mit rotem Samt eingefasstes Buch, war nichts in der Truhe.
„Welch ein Spuk, nur um ein Buch!“, versuchte ich cool zu sein, doch mir zitterten die Beine. Ich nahm das Buch an mich, klappte den Deckel zu, falls doch etwas unsichtbares Böses in der Truhe wohnte. Ich griff nach dem Zauberstab und verließ schnellstens den Dachboden. Schob die Treppe hoch und schloss die Luke. Ich holte tief Luft.
„Ich habe wieder alles zugemacht!“, rief ich meiner Mutter zu.
„Und, hast du das halbe Gerümpel mit nach unten gebracht?“; fragte sie scherzend.
„Nein, nur ein altes Buch und einen Zauberstab!“, entgegnete ich.
„Mehr nicht? Du bist doch nicht krank?“, nahm sie mich auf den Arm. Aber mit einem Zauberstab kannst du dir ja das alte Kram noch herunterzaubern, aber bitte nur in dein Zimmer hinein!“, alberte sie herum, während ich meinen gefundenen Schatz in mein Zimmer trug. So war meine Mutter, immer zum Scherzen aufgelegt. Ich versteckte den Stab und das Buch in meinem Schrank. Ich wusste nicht warum, aber irgend etwas sagte mir, dass dieser Schatz nur für mich persönlich war. Ich ging ins Wohnzimmer und half, wie versprochen, den Weihnachtsbaum zu schmücken. Ich hatte mich von meinem Erlebnis erholt, dennoch musste ich immer an diese seltsame Gestalt denken und an die Stimme davor: Lass das Böse ruhen. Was hatte das mit dem Buch zu tun? Ich konnte es kaum abwarten, endlich in dem Buch zu lesen.
Abends holte ich es aus dem Schrank und schlug es auf. Es hatte sehr dünne Seiten und die Texte waren mit Tinte geschrieben. Hier und da waren mit Tinte Skizzen zu den Abschnitten gemacht worden. Ich blätterte das Buch grob durch und schlug dann wieder die erste Seite auf.
„Das Buch des Grauens“, las ich leise. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sollte ich das Buch deshalb in der Truhe ruhen lassen? Ich schlug das Buch zu, aber es öffnete sich sofort wieder und die Seiten blätterten sich von selbst um und blieben irgendwo in der Buchmitte geöffnet.
„Wir haben dich auserkoren, mit uns die Welt zu beherrschen und das Böse zu verbreiten. Übe dich in der schwarzen Magie und folge uns. Du wirst zu Rum und Reichtum kommen und ein großer Herrscher sein.!“, las ich auf der aufgeschlagenen Seite. Ich malte mir aus, was ich mir dann alles leisten könnte. Auch zur Schule brauchte ich nicht mehr. Meinen Eltern würde ich ein neues modernes Haus kaufen, damit sie nicht mehr in diesem uralten Gemäuer wohnen mussten. Was ging ich schon für ein Risiko ein, in der Welt gab es sowie so schon so viel Böses, da kam es auf etwas mehr auch nicht mehr an. Plötzlich wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, denn die Schranktür war aufgeflogen und der Zauberstab kam direkt auf mich zu und legte sich auf das Buch. Das hätte mich nicht weiter erschüttert, aber aus dem Schrank kamen allerlei Gestalten. Ein Knochengerüst mit alten, vergammelten Stofffetzen und losem Gebiss streckte seine knochige Hand nach mir aus. Eine andere Gestalt mit wirren Haaren und blutunterlaufenen Augen kam auf mich zu. Geisterhafte durchsichtige Wesen flogen in meinem Zimmer umher und aus dem Schrank krochen nun ekelige tierartige Lebewesen. Manche hielten in ihren Mäulern noch blutige Fleischstücke oder Knochen. Ein Geruch nach Verwesung machte sich in meinem Zimmer breit. Ich wollte schreien, aber meine Stimme versagte. Stocksteif sass ich in meinem Bett und mochte mich nicht rühren. Der fiese Typ mit den unterlaufenen Augen nahm den Zauberstab und tippte in dem aufgeschlagenen Buch auf eine Skizze, welche wie ein Wappen aussah. Ehe ich mich versah, berührte er mit dem Stab meinen Unterarm. Ein brennender Schmerz durchfuhr meinen ganzen Körper und ich fiel in eine tiefe Ohnmacht.

Ich stand auf und trat ans offene Fenster und holte tief Luft. Es hatte wieder geschneit. Mein Blick fiel auf den Schnee unter meinem Fenster. Unzählige Spuren und Schleifspuren führten von meinem Fenster zum nahe gelegenen Wald. Ein Schauer lief über meinen Rücken und ich spürte wie mein Arm brannte. Und dann sah ich es mit Entsetzen. Auf meinem Arm war das Zeichen aus dem Buch! „Es war kein böser Traum, es war das Grauen persönlich am gestrigen Abend. Als ich mich gefasst hatte, ging ich zum Schrank und öffnete ihn vorsichtig. Wer weiß, was wieder herausspringen könnte. Aber nichts geschah. Das Buch lag zugeschlagen auf seinem Platz und der Stab darauf.



Fortsetzung folgt...



(c)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen