Gehasster Liebling
Es
vergingen zwei Wochen und das Volk hatte von seinem verstorbenen
Herrscher Abschied genommen und die Trauerfeier war abgeschlossen.
Ich
hatte mich einigermaßen eingelebt und vor allem das Fliegen mit
Sternenfee und Kiri geübt. Viele Heeresführer und einige Schlangen
wurden mir vorgestellt.
„Das
wird noch etwas dauern, bis ich die ganzen Personen mit ihren Namen
behalten werde“, sagte ich zu Naro, als wir abends noch mit den
Feenponys ausgeritten waren und uns auf einen Baumstamm
niedergelassen hatten. "Das wird sich mit der Zeit bessern. Du wirst
sie zur Lagebesprechung immer wieder sehen. Wie hat das mit dem
Einkauf gestern geklappt? Hat es dir Spaß gemacht, oder war es zu
anstrengend?“, fragte er.
„Hast
du keine Frau?“, fragte ich zurück.
„Nein“,
antwortete er.
„Ich
frage nur, wenn du nämlich eine Frau hättest, wüsstest du, dass
Einkaufen fast jeder Frau Vergnügen bereitet, das kann noch so
anstrengend sein.“
„Da
sind wohl alle Frauen gleich, egal, ob Mensch oder Schlangenmensch.“
Entgegnete Naro. „Ich kenne das von meiner Mutter und meinen
Schwestern. Als ich noch ein Kind war, hat mich meine Mutter immer
mitgeschleppt. Mein Vater hatte immer etwas Wichtiges zu tun, wenn es
hieß, wir fahren in die Stadt.“
„Und,
war es langweilig?“ Wollte ich wissen.
„Nein,
mir hat es immer gefallen. Meistens bekam ich auch neue Klamotten und
ein Spielzeug. Als ich älter wurde, fing ich an, Kleidung zu
entwerfen. Ich wollte unbedingt Modedesigner werde, aber mein Vater
wollte, dass ich die Militärische Laufbahn einschlug. Alle Männer
in unserer Familie waren Krieger. Da gab es gar nichts zu
diskutieren. Aber mein Vater erlaubte mir, Modedesign zu studieren,
wenn ich anschließend in den Militärdienst ginge. Ich habe mich
darauf eingelassen.“
„Bist
du denn jetzt mit deinem Leben zufrieden?“, fragte ich.
„Ja,
ich finde es gar nicht so schlecht. Ich habe ein Heer zu führen, für
das ich die Verantwortung trage. Außerdem hatte der letzte Herrscher
mich als Obersten Heeresführer eingesetzt, das heißt, dass mir alle
Heeresführer unterstellt sind. Falls du nichts änderst, habe ich
genug zu tun, und es macht mich auch glücklich.“
„Gar
nichts ändere ich, ich bin froh, so einen erfahrenen Mann wie dich
an meiner Seite zu haben und ich habe auch noch deinen Vater, der
natürlich in seinem Amt als stellvertretender Herrscher bleibt. Er
nimmt mir sehr viel Arbeit ab, ich bin ihm unendlich dankbar.“
Versicherte ich Naro. „Wenn du allerdings lieber als Designer
arbeiten möchtest, würde ich dich als solcher einstellen.“
„Das
ist echt lieb von dir, aber wirklich nicht nötig. Du hast gestern
sicher Sandro kennengelernt“, meinte er.
„Das
ist ein ganz süßer! Aber der ist glaube ich vom anderen Ufer,
oder?“, fragte ich.
„Hast
du etwas gegen Homosexuelle?“, fragte er scharf.
„Überhaupt
nicht“, entgegnete ich ehrlich. „Ich fand Sandro reizend, doch
deine Mutter meinte, ich sollte mir keine unnötigen Hoffnungen
machen.“
„Ach,
hat meine Mutter es sich nicht nehmen lassen, mit dir zu Schoppen?
Das sollten eigentlich meine Schwestern mach.“ Antwortete er.
„Deine
Schwestern waren auch mitgekommen. Wir hatten unheimlich Spaß
zusammen. Ich wollte überhaupt nicht so viele Sachen kaufen, aber
deine Mutter und deine Schwestern meinten, ich müsste so viel
Kleidung als Königin haben. War ja auch alles toll, aber am Liebsten
laufe ich mit einer Jeans und einem Pulli herum. Aber selbst dafür
hatte Sandro tolle Sachen. Da konnte ich nicht widerstehen. Gefällt
dir die Jeans?“, fragte ich Naro und stand auf und drehte mich
einmal, bevor ich mich wieder setzte. Ich finde, sie sitzt super und
lila ist meine Lieblingsfarbe. Und die kleinen Blumen auf der Hose
finde ich toll.“
„Es
freut mich, wenn sie dir gefällt, ich habe sie nämlich entworfen,“
sagte Naro und lächelte mich an. „Ich lernte Sandro während des
Studiums kennen. Seit dem sind wir unzertrennlich. Er hat mehrere
Geschäfte und ein Näh Studio. Die meisten Kleidungsstücke in seinen
Läden sind von ihm oder von mir entworfen. Ich mache das nebenbei.
Mein Vater war anfangs entsetzt, als er von meiner Freundschaft mit
Sandro hörte. Heute verstehen sich die beiden super. Sandro versteht
es, mit seinem Scham, fast jeden zu betören.“
„Du
solltest wirklich den Job als Krieger an den Haken hängen, Was geht
uns Frauen alles verloren, wenn du so wenig Zeit hast, Mode zu
entwerfen“, sagte ich.
Er
lächelte mich nur an. Ein süßes Lächeln! Aber sein Herz gehörte
ja Sandro. Und ich hatte ja Tom. Da war er wieder. Ich hatte
versucht, meine Gefühle zu verdrängen, weil wir keine gemeinsame
Zukunft haben können. Aber jetzt merkte ich, wie mein Herz brannte,
als ich an ihn dachte. Ich vermisste ihn. Ob er schon eine andere
Freundin hatte? Nein, er war mir treu, davon war ich überzeugt. Und
plötzlich hatte ich eine Idee.
„Können
wir zu meiner Einweihungfeier meine Freunde und meine Familie
einladen?“, fragte ich Naro.
„Wenn
sie wollen, können sie kommen. Sie können auch bleiben.“
Antwortete er.
„Bleiben
wollen sie bestimmt nicht, höchstens die Zwillinge. Es ist ein Junge
und ein Mädchen. Die würden sich hier wohlfühlen. Aber wir hätten
keine Ruhe mehr, denn sie machen den ganzen Tag Blödsinn. Ich weiß
nicht , wie meine Mutter das aushält, aber sie nimmt es gelassen.
Manchmal tobt sie mit den Beiden auch noch mit, was meine kleine
Schwester Jenny ganz toll findet und auch noch Quatsch macht.“
Erzählte ich ihm.
„Und
als du klein warst? Du warst sicher ein ganz liebes, ruhiges, artiges
Kind“, meinte er und lachte.
„Vor
meinem älteren Bruder Daniel und mir war, als wir noch klein waren,
nichts sicher. Wir bauten alles auseinander, was wir in die Finger
bekamen und wir waren auch schrecklich wilde Kinder. Darüber habe
ich noch gar nicht so nachgedacht. Ich glaube, wir waren schlimmer
als die Zwillinge. Aber meine Eltern haben uns überlebt, weil sie zu
der Zeit ja nur uns hatten.“ Antwortete ich.
Fortsetzung
folgt...
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