Freundschaft
Gegen Morgen waren die meisten eingeschlafen. Einige
lagen auf Liegen oder Bänken, manche hatten Decken auf der Wiese
ausgebreitet und sich darauf schlafen gelegt. Andere. waren nach
hause gegangen. Willi war mit seinen Eltern mitgefahren und hatten
Henrike mitgenommen, um sie zu hause abzusetzen. Hier und da saßen
noch welche in kleinen Gruppen zusammen und diskutierten über irgend
etwas. Ina wollte ja noch mit Jonny zum Pony gehen, aber Jonny
schlief auf einer Decke. In seinem Arm Sarah. Ina wunderte sich
etwas, aber sie hatte die letzte Stunde nur mit Herrn Lehmann
gesprochen, da hatte Jonny sich wohl andere Unterhaltung gesucht,
und komischer Weise störte es sie nicht.
„Wollen sie mein Pony sehen? Ich habe es zum
Geburtstag bekommen“, fragte Ina ihren Lehrer.
„Ja, gerne!“, antwortete er und sie gingen
gemeinsam in den Stall.
„Hier sind ja schon einige Ponys“, stellte Herr
Lehmann fest.
„Meine Tante und mein Onkel haben noch zwei neue
Ponys gekauft, dass sind diese zwei. Ich hatte sie noch nicht einmal
gesehen, so aufgeregt war ich über mein Pony. Das ist Samy! Mein
Pony!“ Ina war vor der letzten Box stehen geblieben und lockte
Samy an.
„Hier liegt noch ein großes Paket mit einer
Schleife. Ist das ein Geschenk für dich?“, fragte Herr Lehmann.
„Ach, dass habe ich ganz vergessen, meine
Schwester hat mir das Geschenk hier hingelegt. Ich bin gespannt, was
es ist.“ Sagte Ina und packte das Geschenk aus. „Wahnsinn! Ein
neuer Sattel!“, freute sich Ina.
„Darum sagte mein Bruder, er müsste mit seiner
Freundin noch los, weil sie einen Sattel kaufen wollte“,
antwortete ihr Lehrer.
„Dann ist dieser Frederic ihr Bruder?“, fragte
Ina.
„Ja, mein Halbbruder“, antwortete Herr Lehmann.
Ina hatte sich ihrem Pony zugewandt. Ihr Lehrer
stand hinter ihr. Sie spürte seinen Atem.
„Wir dachten, Frederic wäre schwul, und dann kam
er heute; und er ist der Freund meiner Schwester.“ Sagte Ina und
drehte sich um. „Diese Augen sind zum verlieben!“, dachte sie und
ein merkwürdiges Gefühl durchfuhr sie. Ganz anders, als wenn sie
Jonny anschaute, obwohl sie überzeugt war, Jonny zu lieben.
Herr Lehmann legte seine Hand auf Inas Arm. „Ich
glaube, du hast gespürt, dass ich dich mag, sagte er. Aber du bist
meine Schülerin und erst sechzehn.“
„Ich mag sie auch“, flüsterte Ina verlegen.
„Ich heiße Thomas“, sagte ihr Lehrer, und nahm
sie in den Arm und Ina legte ihren Kopf auf seine Schulter.
„Jetzt müsste die Zeit stehen bleiben“, dachte
Ina. Thomas küsste ihr Haar.
„Ich werde in Kürze nach Bremen ziehen und meinen
Lehrerberuf aufgeben. Ich habe eine gute Stelle als Mathematiker in
der freien Wirtschaft angenommen“, teilte Thomas Ina mit.
„So weit weg?“, stellte Ina traurig fest.
„So weit ist Bremen gar nicht. Mein Bruder wohnt
doch hier, da kann ich oft am Wochenende herkommen, wenn du willst.“
„Sicher will ich das!“, antwortete Ina.
„Du bist noch sehr jung. Du machst bald dein Abi,
und dann wirst du sicher studieren oder eine Ausbildung machen. Wir
wollen sehen, wie es mit uns wird. Vielleicht ist dir auch der
Altersunterschied zu groß“, sagte Thomas.
„Ich liebe dich“, erwiderte Ina, „und so viel
älter bist du auch nicht. Ich will nach dem Abi Kunsttherapeutin
werden. Das kann ich in Ottersberg studieren, nicht weit von Bremen.“
Strahlte Ina Thomas an.
„Versuchen wir es, aber so lange ich hier Lehrer
bin, muss unsere Freundschaft unser Geheimnis bleiben“, bat er sie,
„sonst komme ich in Teufels Küche. Aber das sind nur noch zwei
Wochen, dann habe ich meine Referendarzeit um."
„Dann gehst du schon?“, fragte Ina erschrocken.
„Nein, dann habe ich noch ein Monat Zeit, nur für dich!“
entgegnete Thomas.
Ina streichelte Samy. „Was mache ich denn mit
meinem Pony, wenn ich in Ottersberg bin?“
„Du kannst es doch jedes Wochenende besuchen.
Vielleicht kannst du mir das Reiten beibringen, dann schaffe ich mir
auch ein Pferd an.“ Schlug Thomas vor. Aber das dauert ja noch
etwas. Mach mal erst dein Abi.“
„Ja Herr Lehrer!“ antwortete Ina.
Thomas nahm sie in den Arm und küsste sie und Ina
wusste, mit ihm wollte sie durchs Leben gehen.
Ende
Copyright2014by Helga
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