Gehasster Liebling
„Hast
du sonst noch etwas gefunden, wo mit du uns überraschen kannst?“,
fragte ich leise.
„Ja,
ein paar Knochengerüste. Vielleicht wollten sie die prunkvolle Höhle
leer räumen“, antwortete Tom.
„Wer,
die Knochengerüste?“, ärgerte Eva Maria ihn.
„Ich
meine natürlich, als sie noch lebten!“ Tom schaute sie giftig an,
musste dann aber doch lachen.
„Also
die lebenden Knochengerüste“, stellte Eva Maria fest.
„Du
spinnst!“, meinte Tom.
Mir
ging es weiter hin total schlecht. Mein Kopf tat unheimlich weh und
mir war so heiß. Ich wollte gerade einschlummern, als Eva Maria
entsetzt aufschrie und wie erstarrt stehen blieb.
„Nicht
bewegen!“, versuchte Tom sie zu beruhigen.
„Eine
Schlange! Die ist bestimmt giftig!“, flüsterte Eva Maria, während
Tom sich nach einem Gegenstand umschaute, mit dem er die Schlange
außer Gefecht setzen wollte, sich dann nach unten beugte und langsam
einen größeren Stein aufnahm. Er erhob seinen Arm um den Stein auf
die Schlange zu schlagen. Die Schlange drehte sich zu Tom um und
zischte ihn an.
„Sei
vorsichtig, die kann blitzschnell zubeißen!“, warnte Eva Maria
Tom.
„Weiß
ich, aber ich schlage jetzt zu!“, entgegnete er.
„Nein!
Lass sie leben!“, rief ich so laut ich konnte.
„Nein,
sie ist bestimmt gefährlich“, meinte Tom und suchte nach einer
passenden Gelegenheit zuzuschlagen.
„Sie
will uns nicht beißen!“, rief ich ihm zu.
„Woher
willst du das wissen? Ich habe so eine Schlange weder in Büchern
noch Zoos gesehen“, antwortete Tom, immer noch auf die Schlange
schauend und jeden Moment bereit, sie zu töten.
„Hört
ihr denn nicht, was sie sagt?“, fragte ich überrascht.
„Ja,
sie zischt mich andauernd an, mal helle Töne, mal dunkle. Sie sieht
sehr angriffslustig aus. Was meint ihr? Wer ist schneller? Ich mit
dem Stein oder die Schlange?“, fragte Tom.
„Wollen
wir erst noch Wetten abschließen?“, antwortete Eva Maria gereizt.
„Die
Schlange sagt, dass Tom keine Chance hat, da sie sehr schnell und
unheimlich giftig ist. Sie hätte ihn schon längst töten können,
wenn sie es gewollt hätte!“ Übersetzte ich, was die Schlange
gesagt hatte.
„Manuela
hat hohes Fieber“, meinte Tom zu Eva Maria, „sie fantasiert
schon.“
„Verdammt,
leg den Stein weg, ich fantasiere nicht, wieso höre ich was die
Schlange sagt, und ihr versteht nichts?“, regte ich mich auf.
„Manuela,
bleib ganz ruhig, du bist sehr krank und ich töte die Schlange nur,
um uns zu schützen!“, versuchte Tom mir zu erklären.
„Tom,
bleib ruhig stehen, bewege dich bloß nicht. Hinter dir sind auf
einmal ganz viele Schlangen, alles verschiedene!“, beschwor Eva
Maria ihn.
„Tom,
lege bitte den Stein auf die Erde, die Schlangen werden dir nichts
tun. Sie haben mir ihr Wort gegeben!“, flehte ich ihn schon fast
an.
„Jetzt
ist sie übergeschnappt“, sagte er zu Eva Maria. „Aber mit einem
Stein kann ich auch nichts ausrichten.“ Tom legte ihn hin.
Die
Schlange kam auf mich zu.
„Manuela,
Vorsicht! Sie will jetzt dich angreifen.“, rief Tom erschrocken.
„Sie
wird mir nichts antun!“, versicherte ich ihm.
Jetzt
kamen auch die anderen Schlangen näher. Sie hatten alle verschiedene
Farben und Muster und sahen teilweise sehr hübsch aus.
„Wir
werden dich nicht töten und deine Freunde auch nicht. Ich habe von
den verschiedenen Schlangenvölkern jeweils eine Abgeordnete
mitgebracht“, ergriff jetzt eine ziemlich große Schlange das Wort.
„Warum
kann ich euch verstehen und eure Sprache sprechen?“, fragte ich.
Eva Maria
und Tom schienen wirklich die Schlangen nicht zu verstehen. Sie
schauten ziemlich entgeistert auf mich und die Tiere und ich war
überzeugt, dass sie mich im Stillen für verrückt hielten.
Andererseits sahen sie, dass die Schlangen mir nichts antaten.
„Du
bist etwas Besonderes. Du stammst
von einem Schlangenmenschen ab. Es ist über Hundert Jahre her, als
eine deiner weiblichen Vorfahren sich mit einem Schlangenmenschen
vermählte. Es war kein einfacher Schlangenmensch, sondern einer der
Mächtigsten unter uns. Wir haben lange gewartet, bis in deiner
Familie jemand geboren wurde, der die Magie und Weisheit des
Schlangenmensch geerbt hatte.“
„Was
erzählt ihr da! Ich verfüge weder über irgend welche Magie noch
kann man bei mir von unheimlicher Weisheit sprechen. Ich bin froh,
wenn ich in zwei Jahren mein Abitur schaffe. Ich glaube ich träume
nur, dass macht das Fieber. Ihr seid doch wohl nur ein Traum.“ Mir
fielen die Augen zu, ich fühlte mich so müde.
„Ihr
Schlangen, wenn ihr wirklich so intelligent seid, dann versteht ihr
vielleicht auch unsere Sprache. Ich weiß nicht was ihr von uns wollt
und ob ihr wirklich mit Manuela gesprochen habt. Nur ihr haltet uns
auf, wir müssen eine Trage bauen und so schnell wie möglich nach
hause. Manuela muss ärztliche Hilfe haben. Ich vermute, dass sie
eine Lungenentzündung hat, falls euch das überhaupt was sagt. Sie
kann daran sterben!“, schrie Tom die Schlangen an. Ich hörte es
wie aus weiter Ferne.
„Ich
sterbe vielleicht?“, dieser Gedanke kreiste in meinem Kopf. Er
machte mir Angst. Ich wollte zu meinen Eltern und Geschwistern. Ich
sah sie auf einer Wiese stehen. Ich wollte ihnen entgegen laufen,
aber meine Beine machten nicht mit, sie steckten in einer
Schlangenhaut. Meine Familie entfernte sich immer mehr. Ich wollte
sie rufen, aber es kam nur Schlangensprache über meine Lippen. Ich
schrie laut auf.
„Ganz
ruhig, du hast nur geträumt!“, Tom streichelte mir übers Haar,
fühlte meine Stirn.
„Ich
liebe dich“, flüsterte ich, „aber ich bin ein Schlangenmensch.“
„Es
ist nur ein böser Traum“, hörte ich ihn sagen.
Fortsetzung
folgt...
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Helga Pikulik