Sonntag, 5. Januar 2014

Kindergeschichte: Fusel

                                                                    


                                                                             Fusel

„Heute wird aufgeräumt!“ , dachte ich, als ich mir das Chaos in der Wohnung betrachtete. Aber wie oft nahm ich mir dieses schon vor. Zum Glück kam immer irgend etwas dazwischen. Heute natürlich auch und nun dämmerte es draußen schon, aber es war noch nicht mal siebzehn Uhr, doch für mich neigte sich der Tag schon dem Ende zu. Ich mochte diese kurzen Wintertage nicht.

„Jetzt noch aufräumen? Wie ungemütlich!“, dachte ich mir und mein Blick fiel auf meinen PC. Ich hatte ihn noch gar nicht ausgestellt und eine leere Seite lockte mich. Aber ich war heute unheimlich müde, ich hatte die Nächte davor kaum geschlafen.

„Du wolltest doch eine neue Kindergeschichte schreiben!“

„Nein, du wolltest dein Chaos beseitigen!“, so kämpften meine inneren Stimmen miteinander. Na, so lange die sich nicht einig waren, konnte ich für einen Moment die Augen schließen.

„Aufräumen!“, rief plötzlich eine feine helle Stimme. Ich schaute mich um. Da war niemand, wer sollte auch da sein!

„Du hast heute bei einem Schrankfach angefangen aufzuräumen, nun mach weiter!“, ertönte es wieder.

„Spielte mir jemand einen Streich? Oder war es jetzt schon so schlimm mit mir, dass ich Stimmen hörte!“, fragte ich mich.

„Bei den vielen Geschichten die du schreibst, kannst du scheinbar die Wirklichkeit nicht von deiner Fantasie trennen?“, krakelte mir einer entgegen.

„Man, spinne ich? Ist hier jemand!“, rief ich laut und kam mir recht dämlich vor. Glaubte ich etwa an Gespenster und erwartete eine Antwort von denen? Gleich fiel mir ein, dass in dieser Wohnung zwei Menschen an einem Tag gestorben waren. Das ist aber schon lange her, aber wenn ich in das betreffende Zimmer ging, musste ich oft daran denken. Vielleicht spuken sie hier? Aber die waren zu Lebzeiten ganz nett, also warum sollten sie es als Geister nicht sein. Deshalb: Keine Angst aufkommen lassen. Mein Blick viel durch die Fenster auf meinen Garten, das heißt, soviel man im fast Dunkeln noch sehen konnte. Die großen Tannen am Ende des Gartens hoben sich schwarz von der Umgebung ab und ragten gespenstisch zum Himmel. Der Wind ließ sie leicht hin und her beugen. Es wurde zusehend dunkler. Ab und zu bewegten sich helle und rote Lichter durch die Büsche von den vorbeifahrenden Autos einer etwas entfernten Straße. Ich liebte es, in die dunkle Nacht zu schauen, darum ließ ich meine Jalousien selten runter, wenn ich manches Mal bis zur Morgendämmerung am PC saß und schrieb. Die Stimmen waren verschwunden.

„Einbildung ist auch eine Bildung!“, dachte ich an den bekannten Satz, setzte mich hin und fing an, diese Geschichte zu schreiben.

„Weißt du, bei dir rede ich mir nur den Mund fusselig“, hörte ich wieder jemanden sprechen. Genervt schaute ich auf. Draußen war es nun stockdunkel. Vielleicht machte mich die Dunkelheit auf die ich schaute kirre? Sollte ich mich eventuell umsetzen, an den Schreibtisch? Fenster im Rücken und vor eine Wand schauen? Das war es auch nicht, zumal mich diese Dunkelheit ja irgendwie faszinierte und ich dann bessere Einfälle hatte als am Tag. Ich war schon lange eine Nachteule. Schlafen empfand ich als lästig, da mir zu viel Zeit verloren ging. Ein ungesundes Leben. Aber mir gefiel es so, glaubte ich wenigstens. Ich hätte Vampir werden sollen. Ketchupvampir, denn ich mag kein Blut. Aber Vampire gabt es ja leider nicht. Oder? Genau so wenig wie Gespenster in meiner Wohnung oder irgendwelche Stimmen. Wer spielte mir hier einen Streich? Und jetzt bewegte sich auch noch mein Weihnachtstern auf der Fensterbank! Und eine Glaskugel fiel zu Boden und zersprang in funkelnde kleine Splitter. Danke, jetzt reicht es mir. Wer oder was immer auch hier im Raum spukte, ich werde dem jetzt ein Ende machen. Und wenn ich den ganzen Raum ausräumen müsste! Ich wollte gerade aufstehen um die Fensterbank zu untersuchen, da sehe ich ein kleines Wesen hinter dem Blumentopf hervorschauen.

„Ich wollte die Kugel nicht kaputt werfen“, sagte er kleinlaut, „aber was liegt die auch auf der Fensterbank herum. Hättest du aufgeräumt, wäre sie noch heile, also nicht meine Schuld!“, sagte er vorwurfsvoll.

„Jetzt höre ich nicht nur Stimmen, sondern sehe auch noch kleine Männchen“, dachte ich und zweifelte an meinen Verstand. Ich fühlte meine Stirn, hatte ich eventuell Fieber. Nein! Ich weiß nicht, welchen Spuk ich mir zu begegnen vorgestellt hatte, aber an ein kleines Männchen hatte ich nicht gedacht. Es existierte wirklich, denn es sprang von der Fensterbank auf meinen Tisch und kam zu mir.

„Lass mal schauen, was für einen Quatsch du da schreibst!“, sagte er. „Oh! Du schreibst ja über mich!“, stellte er erfreut fest, „dann ist es natürlich kein Quatsch. Über mich zu schreiben ist wunderbar! Fusel, der Romanheld! Ich werde berühmt!“, freute er sich tierisch und hüpfte auf dem Tisch herum.

„Nun mal langsam. So schnell wird man nicht berühmt, erst recht nicht mit meinen Geschichten. Und jetzt mal zu dir! Wer bist du? Wo kommst du her? Darf man dich anfassen, oder beißt du?“, bombardierte ich ihn mit Fragen.

„Sehe ich so aus, als wäre ich ein wildes, bissiges Tier?“, sagte das kleine Männchen wütend. Dabei funkelten seine Augen rot und seine Nackenhaare sträubten sich. Irgendwie sah er aus wie ein fauchendes Kätzchen. Er hatte ein rotbraunes Fell. Die Füße und Hände waren jedoch unbehaart. Er trug eine kleine grüne Hose und ein kariertes Hemd. Einen Seppelhut hatte er in der Hand. Mir kam die Kleidung sehr bekannt vor.

„Kann es sein, dass jetzt ein Stoffteddy sehr friert, weil man ihm die Kleidung ausgezogen hat?“, fragte ich.

„Er hat sie mir freiwillig gegeben“, log dieses kleine Kerlchen ohne mit der Wimper zu zucken.

„Das ist ja auch ein netter Teddy!“, spielte ich das Spiel mit.

„Ich darf auch bei ihm im Schrank übernachten!“, sagte das Männchen.

„Dann hast du ja schon ein Quartier. Sonst hätte ich dir ein schönes Bettchen gemacht. Du heißt Fusel, hast du gesagt. Und was bist du? Ein Zwerg?“

„Ich gehöre zur Familie der Wichtel“, sagte Fusel.

„Ich kenne nur Wichtel aus Büchern, es sind Fantasiewesen“, antwortete ich.

„Typisch Mensch! Ich stehe vor dir und du sagst ich bin ein Fantasiewesen“, schimpfte Fusel los.

„Ist ja gut, ich glaube, dass es Wichtel gibt, sonst wärst du nicht hier, es sei denn, ich träume“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Und was willst du hier?“

„Nichts weiter, ich wohne eigentlich bei euch im Keller, aber es war so kalt, da bin ich hochgekommen und habe mir von dem Teddy die Kleidung geliehen. Ich wollte wieder runter in den Keller, aber euer Hund knurrte mich an und bellte. Da ich nicht wusste, ob er gerne Wichtel frisst, habe ich es vorgezogen, mich hier zu verstecken. Irgendwann wurde es dem Hund wohl zu langweilig und er verließ das Zimmer. Und dann kamst du, und es machte mir Spaß, dich etwas zu ärgern. Leider hast du mich entdeckt, wegen dieser doofen Glaskugel. Ich muss jetzt wieder in den Keller, die anderen warten schon,“ erzählte Fusel.

„Wohnen da noch mehr von deiner Sorte? Wieso habe ich nie jemanden von euch gesehen?“

„Wir sind sehr viele, wir wohnen in den Kellern oder Dachböden der Häuser“, antwortete er, „wir sind aber für die meisten Menschen unsichtbar, und wir können uns gut verstecken.“

„Aber ich kann dich sehen!“, stellte ich fest.

„Ja, du schreibst Fantasiegeschichten und glaubst an Zwerge, Geister und sonstige wie ihr sagt „Fabelwesen“. Nur wer daran glaubt und darüber schreibt kann uns sehen“, sagte er.

„Ich glaube an....?“

„Jetzt muss ich gehen, unterbrach er mich. Bis dann, vielleicht treffen wir uns mal im Keller wieder!“, und schwups war er verschwunden.

Ich war beim Schreiben eingeschlafen. Als ich auf die Uhr schaute, war es kurz nach Mitternacht. Ich hatte einen komischen Traum, ich hatte einen Wichtel getroffen und habe über ihn eine Geschichte geschrieben. Jetzt verfolgen mich meine Geschichten schon im Schlaf. Ich wollte meinen PC ausschalten, als mein Blick auf das Geschriebene fiel. Ich erinnerte mich, ich war doch angefangen zu schreiben und muss dann wohl eingeschlafen sein. Aber ich hatte eine Geschichte fast fertig geschrieben. Über einen Wichtel mit Namen Fusel. Dann war es kein Traum, sondern meine Fantasie, die ich zu Papier gebracht hatte, ich musste wohl zwischendurch aufgewacht sein und geschrieben haben.. Ich schaltete den PC ab, und wollte das Zimmer verlassen. Doch bevor ich das Licht löschte, fiel mein Blick auf den Fußboden. Dieser war vor dem Fenster übersät mit kleinen funkelnden Glassplittern. Die werde ich morgen wegfegen. Es wurde Zeit, dass ich ins Bett kam. Ich träumte wieder von Wichteln, die Glaskugeln runter warfen.



Ende




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