Fusel
„Heute wird
aufgeräumt!“ , dachte ich, als ich mir das Chaos in der Wohnung
betrachtete. Aber wie oft nahm ich mir dieses schon vor. Zum Glück
kam immer irgend etwas dazwischen. Heute natürlich auch und nun
dämmerte es draußen schon, aber es war noch nicht mal siebzehn Uhr,
doch für mich neigte sich der Tag schon dem Ende zu. Ich mochte
diese kurzen Wintertage nicht.
„Jetzt noch
aufräumen? Wie ungemütlich!“, dachte ich mir und mein Blick fiel
auf meinen PC. Ich hatte ihn noch gar nicht ausgestellt und eine
leere Seite lockte mich. Aber ich war heute unheimlich müde, ich
hatte die Nächte davor kaum geschlafen.
„Du wolltest doch
eine neue Kindergeschichte schreiben!“
„Nein, du wolltest
dein Chaos beseitigen!“, so kämpften meine inneren Stimmen
miteinander. Na, so lange die sich nicht einig waren, konnte ich für
einen Moment die Augen schließen.
„Aufräumen!“,
rief plötzlich eine feine helle Stimme. Ich schaute mich um. Da war
niemand, wer sollte auch da sein!
„Du hast heute bei
einem Schrankfach angefangen aufzuräumen, nun mach weiter!“,
ertönte es wieder.
„Spielte mir
jemand einen Streich? Oder war es jetzt schon so schlimm mit mir,
dass ich Stimmen hörte!“, fragte ich mich.
„Bei den vielen
Geschichten die du schreibst, kannst du scheinbar die Wirklichkeit
nicht von deiner Fantasie trennen?“, krakelte mir einer entgegen.
„Man, spinne ich?
Ist hier jemand!“, rief ich laut und kam mir recht dämlich vor.
Glaubte ich etwa an Gespenster und erwartete eine Antwort von denen?
Gleich fiel mir ein, dass in dieser Wohnung zwei Menschen an einem
Tag gestorben waren. Das ist aber schon lange her, aber wenn ich in
das betreffende Zimmer ging, musste ich oft daran denken. Vielleicht
spuken sie hier? Aber die waren zu Lebzeiten ganz nett, also warum
sollten sie es als Geister nicht sein. Deshalb: Keine Angst aufkommen
lassen. Mein Blick viel durch die Fenster auf meinen Garten, das
heißt, soviel man im fast Dunkeln noch sehen konnte. Die großen
Tannen am Ende des Gartens hoben sich schwarz von der Umgebung ab und
ragten gespenstisch zum Himmel. Der Wind ließ sie leicht hin und her
beugen. Es wurde zusehend dunkler. Ab und zu bewegten sich helle und
rote Lichter durch die Büsche von den vorbeifahrenden Autos einer
etwas entfernten Straße. Ich liebte es, in die dunkle Nacht zu
schauen, darum ließ ich meine Jalousien selten runter, wenn ich
manches Mal bis zur Morgendämmerung am PC saß und schrieb. Die
Stimmen waren verschwunden.
„Einbildung ist
auch eine Bildung!“, dachte ich an den bekannten Satz, setzte mich
hin und fing an, diese Geschichte zu schreiben.
„Weißt du, bei
dir rede ich mir nur den Mund fusselig“, hörte ich wieder jemanden
sprechen. Genervt schaute ich auf. Draußen war es nun stockdunkel.
Vielleicht machte mich die Dunkelheit auf die ich schaute kirre?
Sollte ich mich eventuell umsetzen, an den Schreibtisch? Fenster im
Rücken und vor eine Wand schauen? Das war es auch nicht, zumal mich
diese Dunkelheit ja irgendwie faszinierte und ich dann bessere
Einfälle hatte als am Tag. Ich war schon lange eine Nachteule.
Schlafen empfand ich als lästig, da mir zu viel Zeit verloren ging.
Ein ungesundes Leben. Aber mir gefiel es so, glaubte ich wenigstens.
Ich hätte Vampir werden sollen. Ketchupvampir, denn ich mag kein
Blut. Aber Vampire gabt es ja leider nicht. Oder? Genau so wenig wie
Gespenster in meiner Wohnung oder irgendwelche Stimmen. Wer spielte
mir hier einen Streich? Und jetzt bewegte sich auch noch mein
Weihnachtstern auf der Fensterbank! Und eine Glaskugel fiel zu Boden
und zersprang in funkelnde kleine Splitter. Danke, jetzt reicht es
mir. Wer oder was immer auch hier im Raum spukte, ich werde dem jetzt
ein Ende machen. Und wenn ich den ganzen Raum ausräumen müsste! Ich
wollte gerade aufstehen um die Fensterbank zu untersuchen, da sehe
ich ein kleines Wesen hinter dem Blumentopf hervorschauen.
„Ich wollte die
Kugel nicht kaputt werfen“, sagte er kleinlaut, „aber was liegt
die auch auf der Fensterbank herum. Hättest du aufgeräumt, wäre
sie noch heile, also nicht meine Schuld!“, sagte er vorwurfsvoll.
„Jetzt höre ich
nicht nur Stimmen, sondern sehe auch noch kleine Männchen“, dachte
ich und zweifelte an meinen Verstand. Ich fühlte meine Stirn, hatte
ich eventuell Fieber. Nein! Ich weiß nicht, welchen Spuk ich mir zu
begegnen vorgestellt hatte, aber an ein kleines Männchen hatte ich
nicht gedacht. Es existierte wirklich, denn es sprang von der
Fensterbank auf meinen Tisch und kam zu mir.
„Lass mal schauen,
was für einen Quatsch du da schreibst!“, sagte er. „Oh! Du
schreibst ja über mich!“, stellte er erfreut fest, „dann ist es
natürlich kein Quatsch. Über mich zu schreiben ist wunderbar! Fusel,
der Romanheld! Ich werde berühmt!“, freute er sich tierisch und
hüpfte auf dem Tisch herum.
„Nun mal langsam.
So schnell wird man nicht berühmt, erst recht nicht mit meinen
Geschichten. Und jetzt mal zu dir! Wer bist du? Wo kommst du her?
Darf man dich anfassen, oder beißt du?“, bombardierte ich ihn mit
Fragen.
„Sehe ich so aus,
als wäre ich ein wildes, bissiges Tier?“, sagte das kleine
Männchen wütend. Dabei funkelten seine Augen rot und seine
Nackenhaare sträubten sich. Irgendwie sah er aus wie ein
fauchendes Kätzchen. Er hatte ein rotbraunes Fell. Die Füße und
Hände waren jedoch unbehaart. Er trug eine kleine grüne Hose und
ein kariertes Hemd. Einen Seppelhut hatte er in der Hand. Mir kam die
Kleidung sehr bekannt vor.
„Kann es sein,
dass jetzt ein Stoffteddy sehr friert, weil man ihm die Kleidung
ausgezogen hat?“, fragte ich.
„Er hat sie mir
freiwillig gegeben“, log dieses kleine Kerlchen ohne mit der Wimper
zu zucken.
„Das ist ja auch
ein netter Teddy!“, spielte ich das Spiel mit.
„Ich darf auch bei
ihm im Schrank übernachten!“, sagte das Männchen.
„Dann hast du ja
schon ein Quartier. Sonst hätte ich dir ein schönes Bettchen
gemacht. Du heißt Fusel, hast du gesagt. Und was bist du? Ein
Zwerg?“
„Ich gehöre zur
Familie der Wichtel“, sagte Fusel.
„Ich kenne nur
Wichtel aus Büchern, es sind Fantasiewesen“, antwortete ich.
„Typisch Mensch!
Ich stehe vor dir und du sagst ich bin ein Fantasiewesen“,
schimpfte Fusel los.
„Ist ja gut, ich
glaube, dass es Wichtel gibt, sonst wärst du nicht hier, es sei
denn, ich träume“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Und was
willst du hier?“
„Nichts weiter,
ich wohne eigentlich bei euch im Keller, aber es war so kalt, da bin
ich hochgekommen und habe mir von dem Teddy die Kleidung geliehen.
Ich wollte wieder runter in den Keller, aber euer Hund knurrte mich
an und bellte. Da ich nicht wusste, ob er gerne Wichtel frisst, habe
ich es vorgezogen, mich hier zu verstecken. Irgendwann wurde es dem
Hund wohl zu langweilig und er verließ das Zimmer. Und dann kamst
du, und es machte mir Spaß, dich etwas zu ärgern. Leider hast du
mich entdeckt, wegen dieser doofen Glaskugel. Ich muss jetzt wieder
in den Keller, die anderen warten schon,“ erzählte Fusel.
„Wohnen da noch
mehr von deiner Sorte? Wieso habe ich nie jemanden von euch gesehen?“
„Wir sind sehr
viele, wir wohnen in den Kellern oder Dachböden der Häuser“,
antwortete er, „wir sind aber für die meisten Menschen unsichtbar,
und wir können uns gut verstecken.“
„Aber ich kann
dich sehen!“, stellte ich fest.
„Ja, du schreibst
Fantasiegeschichten und glaubst an Zwerge, Geister und sonstige wie
ihr sagt „Fabelwesen“. Nur wer daran glaubt und darüber schreibt
kann uns sehen“, sagte er.
„Ich glaube
an....?“
„Jetzt muss ich
gehen, unterbrach er mich. Bis dann, vielleicht treffen wir uns mal
im Keller wieder!“, und schwups war er verschwunden.
Ich war beim
Schreiben eingeschlafen. Als ich auf die Uhr schaute, war es kurz
nach Mitternacht. Ich hatte einen komischen Traum, ich hatte einen
Wichtel getroffen und habe über ihn eine Geschichte geschrieben.
Jetzt verfolgen mich meine Geschichten schon im Schlaf. Ich wollte
meinen PC ausschalten, als mein Blick auf das Geschriebene fiel. Ich
erinnerte mich, ich war doch angefangen zu schreiben und muss dann
wohl eingeschlafen sein. Aber ich hatte eine Geschichte fast fertig
geschrieben. Über einen Wichtel mit Namen Fusel. Dann war es kein
Traum, sondern meine Fantasie, die ich zu Papier gebracht hatte, ich
musste wohl zwischendurch aufgewacht sein und geschrieben haben.. Ich
schaltete den PC ab, und wollte das Zimmer verlassen. Doch bevor ich
das Licht löschte, fiel mein Blick auf den Fußboden. Dieser war
vor dem Fenster übersät mit kleinen funkelnden Glassplittern. Die werde ich morgen wegfegen. Es wurde Zeit, dass ich ins Bett kam. Ich träumte
wieder von Wichteln, die Glaskugeln runter warfen.
Ende
Copyright2014by Helga Pikulik